Morbus Menière

Diese Patienteninformation soll Ihnen helfen, das Krankheitsbild Morbus Menière besser zu verstehen. Sie ersetzt kein persönliches Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, sondern dient als ergänzende Information.

Morbus Menière – wenn das Innenohr aus dem Gleichgewicht gerät

Morbus Menière ist eine Erkrankung des Innenohrs, die sowohl das Gleichgewichtsorgan als auch das Hörorganbetrifft. Typisch sind wiederkehrende Attacken mit Drehschwindel, die häufig von Hörminderung, Tinnitus und einem Druck- oder Völlegefühl im betroffenen Ohr begleitet werden.

Die Beschwerden können von Patient zu Patient sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Nicht immer treten alle Symptome gleichzeitig auf. Besonders zu Beginn der Erkrankung können einzelne Beschwerden im Vordergrund stehen oder sich erst im weiteren Verlauf entwickeln.

Was passiert bei Morbus Menière im Innenohr?

Im Innenohr befinden sich zwei eng miteinander verbundene Systeme: die Cochlea (Hörschnecke) für das Hören und das Vestibularorgan für die Wahrnehmung von Bewegung und Gleichgewicht. Beide enthalten Flüssigkeit und reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen ihrer inneren Umgebung.

Bei Morbus Menière findet sich häufig eine vermehrte Ansammlung von Endolymphe, einer Flüssigkeit innerhalb des Innenohrs. Dadurch können sich die mit Endolymphe gefüllten Räume erweitern. Diese Veränderung wird als endolymphatischer Hydrops bezeichnet.

Der Hydrops gilt als wichtiges Merkmal der Erkrankung. Die genauen Mechanismen, durch die daraus die typischen Menière-Attacken entstehen, sind jedoch bis heute nicht vollständig geklärt. Früher wurde häufig angenommen, dass ein Einreißen feiner Membranen im Innenohr und eine Vermischung verschiedener Flüssigkeiten unmittelbar die Attacken auslösen. Heute geht man davon aus, dass die Vorgänge komplexer sind.

Durch die Veränderungen im Innenohr kann die Funktion der empfindlichen Sinneszellen vorübergehend gestört werden. Dadurch lassen sich die typischen Beschwerden erklären:

  • Gleichgewichtsorgan: plötzlich auftretender Drehschwindel, häufig mit Übelkeit und Erbrechen
  • Hörorgan: schwankendes oder vermindertes Hörvermögen, besonders zu Beginn häufig im Tieftonbereich
  • Ohr: Tinnitus sowie Druck- oder Völlegefühl

Gerade das schwankende Hörvermögen ist charakteristisch: Das Hören kann sich nach einer Attacke zunächst wieder verbessern und sich im Verlauf der Erkrankung

Wie äußert sich eine Menière-Attacke?

Eine Menière-Attacke kann sehr plötzlich auftreten und für Betroffene äußerst belastend sein. Im Vordergrund steht meist ein heftiger Drehschwindel, der typischerweise zwischen 20 Minuten und 12 Stunden anhält. Häufig kommen Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbrüche und eine ausgeprägte Unsicherheit beim Stehen und Gehen hinzu.

Bei vielen Patienten verändern sich gleichzeitig oder bereits vor der Schwindelattacke die Beschwerden am betroffenen Ohr. Das Hörvermögen kann vorübergehend schlechter werden, ein bestehender Tinnitus kann stärker werden oder sich verändern und es kann ein zunehmendes Druck- oder Völlegefühl im Ohr entstehen.

Typische Symptome bei Morbus Menière

Drehschwindel

Die Schwindelattacken treten spontan auf und dauern typischerweise zwischen 20 Minuten und 12 Stunden. Während einer ausgeprägten Attacke sind normales Gehen oder alltägliche Tätigkeiten häufig kaum möglich.

Hörminderung

Das Hörvermögen kann insbesondere zu Beginn der Erkrankung deutlich schwanken. Typischerweise sind zunächst eher die tiefen und mittleren Frequenzen betroffen. Nach einer Attacke kann sich das Hörvermögen wieder verbessern. Im weiteren Verlauf kann jedoch eine dauerhafte Hörminderung zurückbleiben.

Tinnitus

Viele Betroffene berichten über Ohrgeräusche wie Brummen, Rauschen, Summen oder Pfeifen. Der Tinnitus kann sich im Zusammenhang mit einer bevorstehenden oder bestehenden Attacke verstärken.

Druck- oder Völlegefühl im Ohr

Ein Druckgefühl oder das Gefühl eines „vollen“ bzw. verstopften Ohres gehört ebenfalls zu den typischen Beschwerden und kann sich vor oder während einer Attacke verstärken.

Nicht jede Attacke läuft gleich ab

Morbus Menière kann sehr unterschiedlich verlaufen. Nicht bei jedem Patienten treten während jeder Attacke alle Beschwerden gleichzeitig auf. Auch Häufigkeit und Stärke der Attacken können erheblich schwanken. Zwischen zwei ausgeprägten Attacken können Wochen, Monate oder teilweise längere beschwerdearme Phasen liegen.

Einige Patienten bemerken vor einer Attacke Veränderungen am Ohr – beispielsweise zunehmenden Druck, eine Veränderung des Tinnitus oder eine Verschlechterung des Hörvermögens. Solche Symptome können Hinweise auf eine bevorstehende Attacke sein, sind jedoch nicht bei jedem Betroffenen vorhanden.

Nach einer stärkeren Attacke fühlen sich viele Patienten noch über Stunden erschöpft oder unsicher. Auch wenn der eigentliche Drehschwindel bereits abgeklungen ist, kann vorübergehend ein Schwankgefühl oder eine Gangunsicherheit bestehen bleiben.

Wichtig:

Sehr kurze Schwindelereignisse von nur wenigen Sekunden oder Minuten entsprechen nicht der typischen Dauer einer Menière-Attacke. Sie können dennoch zusätzlich auftreten und sollten bei der Befundung berücksichtigt werden.

Wie wird Morbus Menière festgestellt?

Die Diagnose eines Morbus Menière ergibt sich vor allem aus der typischen Kombination der Beschwerden und ihrem zeitlichen Verlauf. Einen einzelnen Test, mit dem sich die Erkrankung sicher nachweisen oder ausschließen lässt, gibt es nicht.

Besonders wichtig sind deshalb eine ausführliche Anamnese und eine Hörprüfung (Audiometrie). Dabei wird untersucht, ob eine Innenohrschwerhörigkeit vorliegt und welche Frequenzbereiche betroffen sind. Typischerweise zeigt sich insbesondere zu Beginn der Erkrankung ein schwankender Hörverlust im tiefen bis mittleren Frequenzbereich.

Wann spricht man von einem gesicherten Morbus Menière?

Nach den international anerkannten Kriterien der Bárány Society sprechen folgende Merkmale für einen definitiven Morbus Menière:
  • mindestens zwei spontane Drehschwindelattacken
  • Dauer einer Attacke zwischen 20 Minuten und 12 Stunden
  • mindestens einmal audiometrisch nachgewiesener Innenohrhörverlust im tiefen bis mittleren Frequenzbereichdes betroffenen Ohres
  • schwankende Ohrsymptome wie Hörminderung, Tinnitus oder Druckgefühl
  • die Beschwerden lassen sich nicht besser durch eine andere Erkrankung erklären

Nicht jeder Patient erfüllt bereits zu Beginn alle Kriterien. Besonders in frühen Krankheitsstadien kann das Beschwerdebild noch unvollständig sein. Deshalb kann sich die Diagnose manchmal erst im weiteren Verlauf eindeutig ergeben.

Welche Untersuchungen können sinnvoll sein?

Neben der Hörprüfung können abhängig von den Beschwerden weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Sie helfen vor allem dabei, die Funktion des Hör- und Gleichgewichtssystems einzuschätzen und andere Ursachen auszuschließen.

Dazu können beispielsweise gehören:
Videonystagmografie oder Untersuchung der Augenbewegungen
Hierbei werden spontane oder durch bestimmte Untersuchungen ausgelöste Augenbewegungen beurteilt.
Kalorische Prüfung
Mit warmem und kaltem Wasser oder Luft wird die Funktion der horizontalen Bogengänge beziehungsweise des vestibulären Systems untersucht.
Video-Kopfimpulstest (vHIT)
Der Test untersucht die Funktion der Bogengänge bei schnellen Kopfbewegungen.
VEMP-Untersuchung
Vestibulär evozierte myogene Potenziale können zusätzliche Informationen über die Funktion der Otolithenorgane und ihrer Nervenbahnen liefern.
Magnetresonanztomografie (MRT)
Eine MRT kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein, um andere Erkrankungen auszuschließen. Sie gehört jedoch nicht bei jedem Patienten automatisch zur Diagnosestellung eines Morbus Menière.
Die aktuelle Leitlinie empfiehlt insbesondere eine Audiometrie bei Verdacht auf Morbus Menière.

Vestibuläre Funktionstests oder elektrophysiologische Untersuchungen sind dagegen nicht grundsätzlich erforderlich, um die Diagnose zu stellen, können aber im individuellen Fall wichtige zusätzliche Informationen liefern.

Was kann ähnliche Beschwerden verursachen?

Schwindelattacken, Tinnitus oder Hörveränderungen kommen auch bei anderen Erkrankungen vor. Deshalb ist es wichtig, das gesamte Beschwerdebild zu betrachten.
Eine besonders wichtige Differenzialdiagnose ist die vestibuläre Migräne. Auch sie kann wiederkehrende Schwindelattacken auslösen und teilweise mit Ohrsymptomen einhergehen. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt deshalb ausdrücklich, Patienten mit Verdacht auf Morbus Menière auch hinsichtlich einer vestibulären Migräne zu beurteilen.
Weitere mögliche Ursachen sind unter anderem andere Erkrankungen des Innenohrs, vestibuläre Funktionsstörungen oder – abhängig von den jeweiligen Symptomen – neurologische Erkrankungen.
 

Wie verläuft Morbus Menière?

Morbus Menière ist eine chronische Erkrankung mit einem sehr individuellen Verlauf. Wie häufig Schwindelattacken auftreten, wie stark sie ausgeprägt sind und wie sich das Hörvermögen entwickelt, lässt sich für den einzelnen Patienten nur schwer vorhersagen.

Typisch ist ein wechselhafter Verlauf: Phasen mit mehreren Attacken innerhalb kurzer Zeit können sich mit Wochen, Monaten oder auch längeren Zeiträumen ohne ausgeprägte Schwindelattacken abwechseln.

Was passiert zwischen den Attacken?

Nach einer Menière-Attacke kann der heftige Drehschwindel vollständig verschwinden. Trotzdem fühlen sich manche Patienten anschließend noch für einige Zeit unsicher, erschöpft oder schwankend.

Im weiteren Verlauf können auch zwischen den eigentlichen Attacken Beschwerden bestehen bleiben. Dazu gehören beispielsweise:

  • Unsicherheit beim Stehen und Gehen
  • Schwank- oder Benommenheitsgefühl
  • Probleme bei schnellen Kopfbewegungen
  • Unsicherheit im Dunkeln oder auf unebenem Untergrund
  • verminderte Belastbarkeit
  • anhaltender Tinnitus oder Druckgefühl im Ohr

Der Grund dafür kann unter anderem eine zunehmende Beeinträchtigung der vestibulären Funktion des betroffenen Innenohrs sein. Das Gehirn muss lernen, veränderte oder reduzierte Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan möglichst gut auszugleichen.

Wie entwickelt sich das Hörvermögen?

Besonders zu Beginn der Erkrankung kann das Hörvermögen deutlich schwanken. Häufig sind zunächst tiefere Frequenzen betroffen. Nach einer Attacke kann sich das Hören teilweise oder weitgehend wieder erholen.

Bei einem Teil der Patienten kann sich im Laufe der Erkrankung jedoch eine dauerhafte Innenohrschwerhörigkeit entwickeln. Auch der Tinnitus kann zunehmend bestehen bleiben.

Der Verlauf ist allerdings individuell. Aus der Anzahl oder Stärke einzelner Schwindelattacken lässt sich nicht zuverlässig ableiten, wie sich das Hörvermögen langfristig entwickeln wird.

Kann auch das andere Ohr betroffen sein?

Morbus Menière beginnt meist einseitig. Im weiteren Verlauf kann bei einem Teil der Patienten jedoch auch das zweite Ohr betroffen sein. Eine beidseitige Erkrankung ist deshalb möglich, betrifft aber nicht jeden Patienten.

Gerade bei länger bestehenden Beschwerden sind regelmäßige Hörkontrollen sinnvoll, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen.

Wenn die Attacken weniger werden, aber Unsicherheit bleibt

Ein wichtiger Punkt wird häufig unterschätzt: Weniger Drehschwindelattacken bedeuten nicht automatisch, dass das Gleichgewichtssystem wieder vollständig normal funktioniert.

Bei einer dauerhaft verminderten Funktion des Gleichgewichtsorgans können chronische Gleichgewichtsprobleme zurückbleiben. In dieser Phase gewinnt die vestibuläre Rehabilitation an Bedeutung. Ziel ist es, die Anpassungs- und Kompensationsmechanismen des Gehirns gezielt zu fördern und Sicherheit bei Kopfbewegungen, beim Gehen und im Alltag zurückzugewinnen.

Darauf gehen wir im Abschnitt zur Behandlung und vestibulären Rehabilitation noch genauer ein.

Was passiert mit den Augen während einer Menière-Attacke?

Während einer akuten Menière-Attacke entsteht vorübergehend ein Ungleichgewicht zwischen den Signalen des rechten und linken Gleichgewichtsorgans. Das Gehirn interpretiert dieses Signal, als würde sich der Kopf bewegen – obwohl er tatsächlich stillsteht.

Eine sichtbare Folge können rhythmische Augenbewegungen sein, die als Spontannystagmus bezeichnet werden.

Ein Spontannystagmus besteht aus einer langsamen Augenbewegung in eine Richtung und einer schnellen Rückstellbewegung in die Gegenrichtung. Benannt wird der Nystagmus nach dieser schnellen Phase.

Bei Morbus Menière ist besonders interessant, dass sich die Richtung des Spontannystagmus während einer Attacke verändern kann:

Irritative Phase

→ der Nystagmus kann zunächst zum betroffenen Ohr schlagen.

Paretische Phase

→ im weiteren Verlauf kann er seine Richtung wechseln und zum gesunden Ohr schlagen.

Erholungsphase

→ während der Erholung kann erneut ein Richtungswechsel zum betroffenen Ohr auftreten.

Diese Veränderungen zeigen, wie dynamisch sich die Aktivität des Gleichgewichtsorgans während einer Menière-Attacke verändern kann.

Merke:

Die Richtung eines Spontannystagmus zeigt nicht automatisch, welches Ohr erkrankt ist. Entscheidend sind die Art des Nystagmus, der Zeitpunkt der Untersuchung und das gesamte klinische Beschwerdebild.

Wie wird Morbus Menière behandelt?

Die Behandlung des Morbus Menière richtet sich nach Häufigkeit und Stärke der Schwindelattacken, dem Hörvermögen und den Beschwerden zwischen den Attacken. Da die Erkrankung sehr unterschiedlich verlaufen kann, gibt es nicht die eine Therapie, die für jeden Patienten gleichermaßen geeignet ist.
Grundsätzlich verfolgt die Behandlung mehrere Ziele:
  • akute Schwindelattacken möglichst gut kontrollieren
  • Häufigkeit und Stärke weiterer Attacken reduzieren
  • das Hörvermögen möglichst erhalten
  • anhaltende Gleichgewichtsbeschwerden behandeln
  • Sicherheit und Lebensqualität im Alltag verbessern

Dabei wird meist stufenweise vorgegangen.

1. Behandlung während einer akuten Attacke
Während einer ausgeprägten Menière-Attacke stehen zunächst der heftige Drehschwindel sowie häufig Übelkeit und Erbrechen im Vordergrund.
Medikamente können kurzfristig eingesetzt werden, um diese Beschwerden zu lindern. Dazu gehören beispielsweise Medikamente gegen Übelkeit sowie sogenannte vestibuläre Sedativa, die die Aktivität des Gleichgewichtssystems vorübergehend dämpfen.

Diese Medikamente sind vor allem für die Akutphase gedacht. Eine längerfristige Einnahme vestibulär dämpfender Medikamente ist in der Regel nicht sinnvoll, da sie die Anpassungs- und Kompensationsprozesse des Gehirns beeinträchtigen kann.

2. Behandlung zur Vorbeugung weiterer Attacken
Bei wiederkehrenden Attacken können verschiedene vorbeugende Maßnahmen eingesetzt werden. Welche davon sinnvoll sind, sollte individuell mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
In Deutschland wird häufig Betahistin eingesetzt. Ziel der Behandlung ist es, Häufigkeit und Stärke der Schwindelattacken zu reduzieren. Die wissenschaftliche Datenlage zur Wirksamkeit ist allerdings nicht eindeutig, sodass Nutzen und Dosierung individuell beurteilt werden sollten.
Auch Lebensstil- und Ernährungsmaßnahmen werden häufig empfohlen. Dazu gehören beispielsweise regelmäßige Mahlzeiten, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und ein möglichst regelmäßiger Schlafrhythmus.
Pauschale Verbote von Kaffee, Alkohol oder Salz sind dagegen nicht für jeden Patienten gleichermaßen sinnvoll. Besser ist es, mögliche persönliche Auslöser zu beobachten und gemeinsam mit dem behandelnden Arzt zu beurteilen.

Ein Symptom- oder Attackentagebuch kann dabei sehr hilfreich sein.

Treten trotz konservativer Behandlung weiterhin belastende Schwindelattacken auf, kann eine intratympanale Kortisontherapie erwogen werden.
Dabei wird ein Kortisonpräparat durch das Trommelfell in das Mittelohr eingebracht. Von dort gelangt der Wirkstoff über die Membranen des Innenohrs in dessen unmittelbare Umgebung.

Ziel ist es, die Schwindelattacken zu reduzieren und gleichzeitig das Hörvermögen möglichst zu erhalten.

Bei weiterhin häufigen und schweren Attacken kann eine Behandlung mit Gentamicin infrage kommen.
Gentamicin wirkt gezielt schädigend auf vestibuläre Sinneszellen und reduziert dadurch die fehlerhafte Aktivität des betroffenen Gleichgewichtsorgans. Damit lassen sich Schwindelattacken bei vielen Patienten deutlich reduzieren oder kontrollieren.
Die Behandlung ist jedoch bewusst vestibulotoxisch. Außerdem besteht ein Risiko für eine zusätzliche Verschlechterung des Hörvermögens. Deshalb werden Nutzen und mögliche Risiken sorgfältig gegeneinander abgewogen.

Nach einer Gentamicinbehandlung kann vorübergehend oder dauerhaft eine vestibuläre Unterfunktion entstehen. In dieser Situation spielt die vestibuläre Rehabilitation eine besonders wichtige Rolle, damit das Gehirn lernt, den Funktionsverlust möglichst gut zu kompensieren.

Wenn schwere Schwindelattacken trotz anderer Behandlungsmaßnahmen weiterhin bestehen, können in ausgewählten Fällen operative Verfahren diskutiert werden.
Welche Operation infrage kommt, hängt unter anderem vom verbliebenen Hörvermögen, der Schwere der Erkrankung und den bisherigen Therapien ab.
Zu den möglichen Verfahren gehören beispielsweise Eingriffe am Endolymphsack, die Durchtrennung des Vestibularnervs oder – bei nicht mehr nutzbarem Hörvermögen und schweren Verläufen – eine Labyrinthektomie.
Solche Verfahren sind speziellen Situationen vorbehalten und erfordern eine ausführliche individuelle Beratung.
Behandlung bedeutet nicht für jeden Patienten dasselbe
Nicht jeder Patient durchläuft alle Therapiestufen. Bei vielen Betroffenen lassen sich die Beschwerden bereits mit konservativen Maßnahmen ausreichend kontrollieren.
Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst viele Therapien durchzuführen, sondern die Behandlung an den individuellen Verlauf der Erkrankung anzupassen.
Dabei sollten sowohl die Schwindelattacken als auch das Hörvermögen und mögliche Beschwerden zwischen den Attacken berücksichtigt werden.

Was können Sie selbst tun?

Morbus Menière lässt sich im Alltag nicht vollständig kontrollieren. Trotzdem können einige Maßnahmen dabei helfen, mit der Erkrankung besser umzugehen und mögliche persönliche Einflussfaktoren zu erkennen.

Hilfreich kann insbesondere ein Attacken- und Symptomtagebuch sein. Notieren Sie beispielsweise:

  • wann eine Schwindelattacke aufgetreten ist
  • wie lange sie gedauert hat
  • ob sich zuvor Tinnitus, Ohrdruck oder Hörvermögen verändert haben
  • welche Medikamente eingenommen wurden
  • besondere Belastungen, Schlafmangel oder andere mögliche Einflussfaktoren

Dadurch können im Verlauf individuelle Muster sichtbar werden. Gleichzeitig erhält der behandelnde Arzt wichtige Informationen über Häufigkeit und Entwicklung der Erkrankung.

Ein möglichst regelmäßiger Tagesrhythmus, ausreichender Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und körperliche Aktivität können ebenfalls sinnvoll sein.

Pauschale Verbote bestimmter Lebensmittel oder Getränke sind dagegen nicht für jeden Patienten notwendig. Entscheidend ist vielmehr, mögliche persönliche Einflussfaktoren zu erkennen.

Welche Rolle spielt vestibuläre Rehabilitation?

Vestibuläre Rehabilitation behandelt nicht die akute Menière-Attacke und verhindert auch nicht unmittelbar die Entstehung eines endolymphatischen Hydrops.

Sie kann jedoch sehr wichtig werden, wenn durch die Erkrankung oder durch bestimmte Behandlungen eine dauerhafte Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans entstanden ist.

Typische Beschwerden können dann sein:

  • Unsicherheit beim Gehen
  • Schwankgefühl
  • Probleme bei schnellen Kopfbewegungen
  • verschwommenes Sehen während Kopfbewegungen
  • Unsicherheit im Dunkeln oder auf unebenem Untergrund
  • verminderte Sicherheit bei sportlichen oder alltäglichen Aktivitäten

Durch ein individuell angepasstes vestibuläres Training werden die Kompensations- und Anpassungsmechanismen des Gehirns gezielt gefördert.

Zum Training können unter anderem Übungen zur Blickstabilisierung, Gleichgewichtsübungen, Gangtraining sowie Übungen mit unterschiedlichen sensorischen Anforderungen gehören.

Besonders nach einem ausgeprägten vestibulären Funktionsverlust – beispielsweise nach einer Gentamicinbehandlung – kann eine gezielte vestibuläre Rehabilitation ein wichtiger Bestandteil der weiteren Behandlung sein.

Leben mit Morbus Menière

Morbus Menière kann den Alltag erheblich beeinflussen. Gerade die Unvorhersehbarkeit der Attacken wird von vielen Betroffenen als belastend empfunden.

Gleichzeitig bedeutet die Diagnose nicht, dass dauerhaft schwere Schwindelbeschwerden bestehen müssen. Der Verlauf kann sich verändern und längere Phasen ohne ausgeprägte Attacken sind möglich.

Wichtig ist eine Behandlung, die nicht nur die einzelnen Schwindelattacken betrachtet, sondern auch Hörvermögen, Gleichgewichtsfunktion und die Auswirkungen auf den Alltag berücksichtigt.

Eine gute Zusammenarbeit zwischen HNO-Heilkunde, gegebenenfalls Neurologie, Audiologie und spezialisierter vestibulärer Therapie kann dabei helfen, die Behandlung an die individuelle Situation anzupassen.

Quellen 

  1. Basura GJ et al. (2020). Clinical Practice Guideline: Ménière’s Disease. Otolaryngology–Head and Neck Surgery, 162(2_suppl), S1–S55. DOI: 10.1177/0194599820909438.
    PubMed – Clinical Practice Guideline: Ménière’s Disease
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    PubMed – Diagnostic criteria for Menière’s disease
  3. Dubernard X et al. (2026). Guidelines of the French Society of ENT on the role and modalities of vestibular rehabilitation in Menière’s disease. European Annals of Otorhinolaryngology, Head and Neck Diseases, 143(1), 50–55.
    PubMed – Vestibular Rehabilitation bei Morbus Menière
  4. Hall CD et al. (2022). Vestibular Rehabilitation for Peripheral Vestibular Hypofunction: An Updated Clinical Practice Guideline. Journal of Neurologic Physical Therapy. Die Leitlinie belegt den Nutzen vestibulärer Rehabilitation bei peripherer vestibulärer Hypofunktion.
    PubMed – Vestibular Rehabilitation Clinical Practice Guideline
  5. Jiang M et al. (2021). What is the efficacy of gentamicin on the incidence of vertigo attacks and hearing in patients with Menière’s disease compared with steroids? A meta-analysis. Journal of Neurology, 268, 3717–3727.
    PubMed – Gentamicin versus Steroide

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