Diese Patienteninformation soll Ihnen helfen, das Krankheitsbild Vestibuläre Hypofunktion besser zu verstehen. Sie ersetzt kein persönliches Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, sondern dient als ergänzende Information.
 
Was bedeutet „vestibuläre Hypofunktion“?
Der Begriff vestibuläre Hypofunktion beschreibt eine Schwäche des Gleichgewichtsorgans im Innenohr.
Man unterscheidet:
• Einseitige vestibuläre Hypofunktion (UVH) – eine Ohrseite ist betroffen
• Beidseitige vestibuläre Hypofunktion (BVH) – beide Gleichgewichtsorgane funktionieren vermindert
Das Gleichgewichtsorgan besteht aus drei Bogengängen und zwei Otolithen-Organen und liefert dem Gehirn wichtige Informationen über Bewegung, Lage und Stabilität. Wenn dieses System geschwächt ist, entstehen Schwindel, Unsicherheit und Sehstörungen.
 
Typische Symptome
✔ Unsicherer Gang, v. a. im Dunkeln oder auf unebenem Boden
✔ Schwanken beim Gehen
✔ Verschwommenes Sehen bei Kopfbewegungen („Buchstaben hüpfen“)
✔ Schwindel bei schnellen Kopfbewegungen
✔ Beidseitig: ausgeprägte Unsicherheit, besonders ohne visuelle Orientierung
✔ Erschöpfung, Konzentrationsprobleme
✔ Bewegungsängste
 
Ursachen
Häufige Ursachen sind:
• Neuritis Vestibularis (Entzündung des Gleichgewichtsnervs)
• Alterungsprozesse
• Toxische Schädigungen (z. B. durch bestimmte Antibiotika wie Gentamicin)
• Chemotherapie
• Autoimmunprozesse
• Beidseitige degenerative Veränderungen
• Nach schweren Infekten oder Hirnverletzungen
• in manchen Fällen: unbekannte Ursache
• Akustikusneurinom
 
Diagnosekriterien der Bárány Society
(offizielle internationale Fachgesellschaft für Vestibularmedizin)
Zu unterscheiden sind einseitige und beidseitige vestibuläre Hypofunktion.
Die Bárány Society hat formale Kriterien für die bilaterale vestibuläre Hypofunktion (BVH) definiert — diese gelten weltweit als Standard.
 
Diagnosekriterien für die bilaterale vestibuläre Hypofunktion (Bárány Society, 2017)
A. Kernsymptome
• Unsicherer Gang und Schwanken, besonders im Dunkeln oder auf unebenem Boden
• Verschwommenes Sehen bei Kopfbewegungen (Oszillopsien)
• Keine ausgeprägten Drehschwindelattacken
B. Objektiver Nachweis der Funktionsminderung
Mindestens ein der folgenden Tests ist pathologisch:
1. bithermale Kalorik: Summe der langsamen Phasen < 6°/s
2. Video-Kopfimpulstest (vHIT): Gain < 0,6 bei horizontalen Bogengängen
3. Rotationsstuhl: Gain < 0,1 bei 0,1 Hz
4. vHIT Vertikal (zur Ergänzung)
C. Symptome bestehen ≥ 3 Monate
D. Keine andere Erklärung (z. B. Kleinhirnerkrankung, Neuropathie)
 
Wie wird eine vestibuläre Hypofunktion untersucht?
• Video-Kopfimpulstest (vHIT)
• Kalorische Prüfung
• Rotationsstuhltest (optional)
• Posturografie (Gang- und Gleichgewichtsanalyse)
• Audiogramm bei Verdacht auf Innenohrerkrankungen
• Fragebögen für Schwindel und Lebensqualität
 
Behandlung
Die wichtigste und wirksamste Therapie ist:
1. Vestibuläres Gleichgewichtstraining (VRT)
Wissenschaftlich sehr gut belegt.
Schwerpunkte:
• Blickstabilisationstraining
• Gang- und Balanceübungen
• Stimulierung der Kopfbewegungen
• Verbesserung der posturalen Kontrolle
• Training bei Reizüberflutung (visuelles Training)
➡️ Ziel: Das Gehirn lernt, die Schwäche zu kompensieren und andere Systeme (Sehen, Propriozeption) stärker zu nutzen.
 
2. Heimübungen
Individuell angepasst:
• Kopfbewegungen mit Fixpunkt
• Gleichgewichtsübungen
• Gangtraining im Alltag
• Training im Freien (sofern sicher)
 
3. Medikamente
Nicht empfohlen.
Schwindelmittel (Dimenhydrinat, Betahistin etc.) helfen nicht bei vestibulärer Hypofunktion und können sogar die Anpassung behindern.
 
4. Technische Hilfen
Bei schwerer beidseitiger Störung:
• Sturzprophylaxe
• Einsatz von Stock oder Rollator (situativ)
 
5. Prognose
• Einseitige Hypofunktion: sehr gute Kompensationsfähigkeit
• Beidseitige Hypofunktion: Kompensation möglich, aber langsamer
• Gutes Training = bessere und schnellere Erholung
 
Was Sie selbst tun können
✔ tägliche Bewegungsübungen
✔ keine Schonhaltung
✔ viel Gehen
✔ Sportarten wie Radfahren, Nordic Walking
✔ Gleichgewichtstraining als Routine
✔ ausreichend Schlaf und Pausen
✔ Sturzrisiken zu Hause reduzieren
✖ langes Sitzen / Immobilität
✖ Angst vermeiden (verstärkt die Symptome)
✖ Reizüberflutung langsam steigern, nicht vermeiden
 

Eine Referenzliste kann auf Wunsch eingesehen werden.

→ Hier geht es zum PDF “Vestibuläre Hypofunktion”