Praxisbeispiel Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD)

Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD)
 
Wenn der Schwindel bleibt – obwohl nichts „kaputt“ ist.
 
Ein Praxisbeispiel
Eine 38-jährige Patientin stellte sich mit seit mehreren Monaten bestehendem dauerhaftem Schwankschwindel in meiner Praxis vor. Die Beschwerden hätten schleichend begonnen und seien inzwischen nahezu täglich präsent. Sie hatte die Diagnose Lagerungsschwindel erhalten und warf sich tagelang hin und her. Aufgrund ihrer Schilderung lagen eigentlich keine Hinweise auf einen Lagerungsschwindel vor. Im weiteren Verlauf erzählte die Patientin, dass sie mehrere Monate ihre erkrankte Mutter pflegte und kaum noch Zeit für sich hatte.
 
Typisch war:
  • ein Gefühl von Benommenheit und Unsicherheit im Stehen und Gehen
  • Verschlechterung in Supermärkten, Menschenmengen und auf großen freien Flächen
  • Zunahme der Symptome bei Stress, Zeitdruck und innerer Anspannung
  • keine echten Drehschwindelattacken mehr
Mehrere ärztliche Abklärungen (HNO und Neurologie) waren bereits erfolgt – ohne pathologischen Befund. Bildgebung und vestibuläre Apparatediagnostik zeigten keine relevante Auffälligkeit. Dennoch fühlte sich die Patientin im Alltag deutlich eingeschränkt.
 
Klinische Untersuchung und Testbatterie
In der vestibulär-funktionellen Untersuchung zeigte sich ein typisches Muster für PPPD:
 
Spontannystagmus
Kein Spontannystagmus nachweisbar.
 
Kopfimpuls-Test (HIT)
Beidseits unauffällig, keine Rückstellsakkaden.
 
Dynamische Sehschärfe (DVA)
Maximal 1 Zeile Unterschied zwischen statischer und dynamischer Sicht – kein Hinweis auf eine relevante periphere vestibuläre Hypofunktion.
 
mCTSIB / CTSIB
Auffällig war eine deutliche Unsicherheit unter visueller Dominanz, insbesondere bei komplexen oder widersprüchlichen Sinnesinformationen. Kein klares Kippen, aber starkes Vermeidungs- und Sicherungsverhalten.
 
Functional Gait Assessment (FGA)
Ergebnis: 24 von 30 Punkten
Probleme vor allem bei:
  • Kopfbewegungen während des Gehens
  • Gehen mit geschlossenen Augen
  • dualen Aufgaben
➡️ Insgesamt keine strukturelle vestibuläre Läsion, aber eine deutliche funktionelle Übersteuerung des Gleichgewichtssystems.
 
Einordnung: Was ist PPPD?
Der persistierende postural-perzeptive Schwindel (PPPD) ist eine funktionelle Schwindelerkrankung, die häufig nach einem auslösenden Ereignis entsteht, z. B.:
 
  • akuter vestibulärer Schwindel
  • Lagerungsschwindel
  • vestibuläre Migräne
  • starke Stress- oder Angstepisoden
Obwohl das auslösende Problem abgeklungen ist, bleibt das Nervensystem in einem Dauer-Alarmzustand. Das Gleichgewichtssystem wird übermäßig bewusst kontrolliert – was paradoxerweise zu mehr Unsicherheit führt.
 
Therapie: Vestibuläre Rehabilitation bei PPPD
Nach ausführlicher Aufklärung wurde eine strukturierte vestibuläre Rehabilitationstherapie begonnen.
 
Therapiedauer
  • 8 Wochen
  • 1× wöchentlich in der Praxis
  • zusätzlich ein individuell angepasstes Heimübungsprogramm
Therapiebausteine
  • sanfte Blickstabilisierungsübungen (nicht symptomprovokativ)
  • Gleichgewichtsübungen mit gradueller Exposition
  • Reduktion von Sicherheits- und Vermeidungsstrategien
  • Training unter visueller Reizüberflutung (z. B. Muster, Bewegung im Raum)
  • begleitende Edu¬kation über PPPD (zentrale Therapiekomponente)
Ein wichtiger Fokus lag darauf, Bewegung wieder als sicher erlebbar zu machen, ohne die Symptome ständig zu kontrollieren oder zu bewerten.
 
Verlauf und Re-Evaluation
 
Nach 8 Wochen berichtete die Patientin über:
  • deutlich weniger Dauerschwindel
  • mehr Sicherheit in Alltagssituationen
  • bessere Belastbarkeit in visuellen Umgebungen
Objektive Re-Testung
  • FGA: Verbesserung auf 28 von 30 Punkte
  • CTSIB: deutlich ruhigere Strategien, weniger visuelle Fixierung
  • subjektiv deutlich reduzierte Schwindelintensität
 
Fazit
Dieses Praxisbeispiel zeigt sehr deutlich:
👉 PPPD ist kein „eingebildeter Schwindel“, sondern eine funktionelle Fehlanpassung des Gleichgewichtssystems.
👉 Apparative Normalbefunde schließen eine relevante Schwindelerkrankung nicht aus.
👉 Eine spezialisierte vestibuläre Rehabilitation ist hochwirksam – besonders in Kombination mit Aufklärung und Exposition.
 
Anhaltender Schwankschwindel trotz unauffälliger Befunde?
Wenn Schwindel über Monate anhält und vor allem im Alltag, bei Stress oder visuellen Reizen auftritt, sollte auch an PPPD gedacht werden. Eine gezielte funktionelle Diagnostik und Therapie kann hier entscheidend helfen.