Viele Patienten kommen in meine Praxis mit der Aussage:
„Man hat mir gesagt, mein Schwindel kommt von der Halswirbelsäule.“
Tatsächlich können Beschwerden der Halswirbelsäule in seltenen Fällen zu Schwindel beitragen. In der Praxis erleben wir jedoch immer wieder, dass hinter wiederkehrenden Schwindelattacken eine ganz andere Ursache steckt: die vestibuläre Migräne.
Sie gehört zu den häufigsten neurologischen Ursachen für Schwindel und wird dennoch häufig übersehen oder mit Problemen der Halswirbelsäule verwechselt.
In diesem Beitrag erfahren Sie, wie sich eine vestibuläre Migräne äußert, warum die Diagnose oft schwierig ist und welche Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen.
Was ist eine vestibuläre Migräne?
Die vestibuläre Migräne ist eine besondere Form der Migräne, bei der Schwindel im Vordergrund steht.
Viele Menschen denken bei Migräne sofort an starke Kopfschmerzen.
Doch das ist ein häufiger Irrtum.
Bei einer vestibulären Migräne können die Schwindelbeschwerden deutlich ausgeprägter sein als die Kopfschmerzen. Manche Betroffene entwickeln sogar Schwindelattacken, ohne gleichzeitig unter typischen Migränekopfschmerzen zu leiden.
Die Ursache liegt nicht im Gleichgewichtsorgan selbst, sondern in einer vorübergehend veränderten Verarbeitung von Gleichgewichts- und Sinnesinformationen im Gehirn.
Dadurch können Schwindel, Unsicherheit, Lichtempfindlichkeit und visuelle Überforderung entstehen.
Warum entsteht eine vestibuläre Migräne?
Das Gehirn verarbeitet ständig Informationen aus:
- den Augen,
- dem Gleichgewichtsorgan,
- den Muskeln und Gelenken.
Bei einer vestibulären Migräne kommt es zu einer vorübergehenden Übererregbarkeit bestimmter Hirnnetzwerke.
Dadurch werden Gleichgewichtsinformationen anders verarbeitet als normalerweise.
Das Gleichgewichtsorgan selbst ist dabei meist völlig gesund.
Genau deshalb sind viele vestibuläre Untersuchungen später unauffällig.
Praxisbeispiel:
Eine 46-jährige Patientin stellte sich mit seit mehreren Jahren wiederkehrenden Schwindelattacken in unserem Schwindelzentrum vor.
Zuvor war sie über Monate wegen vermeintlicher Problemen der Halswirbelsäule behandelt worden.
Sie erhielt:
- Massagen,
- Mobilisationen,
- Wärmeanwendungen,
- klassische Physiotherapie.
Eine nachhaltige Besserung trat jedoch nicht ein.
Erst eine ausführliche Schwindelanamnese brachte die entscheidenden Hinweise.
Typische Beschwerden der Patientin
Die Patientin berichtete über:
- Schwindelattacken etwa alle drei bis vier Wochen
- Dauer zwischen 24 und 72 Stunden
- Schwankschwindel mit ausgeprägter Unsicherheit
- gelegentlichen Drehschwindel
- starke Lichtempfindlichkeit
- Geräuschempfindlichkeit
- Rückzugsbedürfnis in dunkle Räume
- zeitweise pulsierende Kopfschmerzen
- Auslösung durch Stress, Schlafmangel oder hormonelle Veränderungen
Zusätzlich bestanden bereits seit der Kindheit:
- ausgeprägte Reisekrankheit
- visuelle Überempfindlichkeit
- Beschwerden in Supermärkten
- Probleme auf Rolltreppen
- Unsicherheit bei stark gemusterten Böden
Dieses Beschwerdebild ist sehr typisch für eine vestibuläre Migräne.
Warum die Gleichgewichtsuntersuchung häufig normal ist
Viele Patienten hören irgendwann den Satz:
„Ihre Untersuchungen sind alle unauffällig.“
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass keine Erkrankung vorliegt.
Bei der vestibulären Migräne sind häufig normal:
- Kopfimpulstest (HIT)
- Video-Kopfimpulstest (vHIT)
- Dynamische Sehschärfe
- Gleichgewichtstests
- Lagerungsprüfungen
Der Grund dafür ist einfach:
Das Gleichgewichtsorgan selbst funktioniert meistens normal.
Die Ursache liegt vielmehr in einer veränderten Verarbeitung der Informationen im Gehirn.
Genau das unterscheidet die vestibuläre Migräne von einer vestibulären Hypofunktion oder einem gutartigen Lagerungsschwindel.
Welche Auslöser gibt es?
Die Attacken werden häufig durch sogenannte Trigger ausgelöst.
Zu den häufigsten gehören:
- Stress
- Schlafmangel
- hormonelle Veränderungen
- unregelmäßige Mahlzeiten
- Flüssigkeitsmangel
- flackerndes Licht
- lange Autofahrten
- Bildschirmarbeit
- visuelle Reizüberflutung
Viele Betroffene berichten außerdem über Beschwerden in:
- Supermärkten
- Einkaufszentren
- Menschenmengen
- Bahnhöfen
- Rolltreppen
- gemusterten Fußböden
Warum entwickeln viele Betroffene zusätzlich visuellen Schwindel?
Nach wiederholten Attacken entwickelt sich bei vielen Patienten eine zunehmende Empfindlichkeit gegenüber visuellen Reizen.
Das Gehirn reagiert dann besonders empfindlich auf:
- bewegte Menschen
- vorbeifahrende Autos
- Rolltreppen
- große Räume
- flackerndes Licht
Viele Betroffene vermeiden diese Situationen zunehmend.
Dadurch kann sich langfristig zusätzlich ein persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD) entwickeln.
Gerade deshalb ist eine frühzeitige Behandlung besonders wichtig.
Therapie – Was hilft wirklich?
Die Behandlung der vestibulären Migräne besteht aus mehreren Bausteinen.
Aufklärung
Der erste Schritt besteht darin, die Erkrankung zu verstehen.
Viele Patienten erleben bereits dadurch eine deutliche Entlastung.
Trigger erkennen
Gemeinsam werden mögliche Auslöser identifiziert.
Nicht jeder Trigger muss vollständig vermieden werden.
Viel wichtiger ist ein bewusster Umgang mit den individuellen Belastungsfaktoren.
Schlaf und Stress regulieren
Regelmäßiger Schlaf und ein gutes Stressmanagement gehören zu den wichtigsten Maßnahmen.
Vestibuläre Rehabilitation
Besteht zwischen den Attacken eine anhaltende Unsicherheit oder visuelle Überempfindlichkeit, kann eine individuell angepasste vestibuläre Rehabilitation sinnvoll sein.
Dabei stehen unter anderem im Vordergrund:
- dosierte Blickstabilisationsübungen
- visuelle Habituation
- Gleichgewichtstraining
- funktionelles Alltagstraining
Das Ziel besteht nicht darin, Schwindel zu provozieren, sondern die Reizverarbeitung des Gehirns schrittweise zu normalisieren.
Neurologische Mitbehandlung
Je nach Ausprägung kann zusätzlich eine neurologische Behandlung sinnvoll sein.
Dabei kommen gegebenenfalls auch migränespezifische Medikamente zur Vorbeugung oder Behandlung der Attacken infrage.
Wann sollten Sie an eine vestibuläre Migräne denken?
Eine vestibuläre Migräne sollte in Betracht gezogen werden, wenn Sie:
- wiederkehrende Schwindelattacken haben,
- Licht oder Lärm schlecht vertragen,
- normale Gleichgewichtsuntersuchungen haben,
- unter Reisekrankheit leiden oder litten,
- Beschwerden in Supermärkten oder Menschenmengen entwickeln,
- Schwindel durch Stress oder Schlafmangel ausgelöst wird,
- zusätzlich Migräne oder Migräne in der Familie bekannt ist.
Unser Fazit
Die vestibuläre Migräne gehört zu den häufigsten Ursachen für wiederkehrenden Schwindel und wird dennoch häufig nicht erkannt.
Gerade weil die Gleichgewichtsuntersuchungen oft unauffällig sind, wird der Schwindel nicht selten fälschlicherweise der Halswirbelsäule oder psychischen Belastungen zugeschrieben.
Die gute Nachricht lautet:
Mit einer sorgfältigen Diagnostik, einer gezielten Aufklärung und einer individuell angepassten Behandlung lassen sich die Beschwerden häufig deutlich verbessern.
Autor: Tom Hanf
Schwindelzentrum Saarbrücken