10 Mythen über Schwindel, die wir täglich in unserer Praxis hören – und was wirklich dahintersteckt
„Das kommt von den Halswirbeln.“
„Ihr MRT war doch unauffällig.“
„Dann müssen Sie sich einfach mehr schonen.“
Solche Aussagen hören wir fast täglich in unserer Praxis. Manche enthalten einen kleinen wahren Kern, viele sind jedoch zu stark vereinfacht oder schlicht falsch.
Schwindel gehört zu den häufigsten Beschwerden überhaupt. Gleichzeitig existieren rund um das Thema zahlreiche Missverständnisse, die Betroffene verunsichern und manchmal sogar eine erfolgreiche Behandlung erschweren.
In diesem Beitrag möchten wir die häufigsten Mythen rund um das Thema Schwindel aufgreifen und erklären, was nach aktuellem Wissensstand wirklich dahintersteckt.
Mythos 1: Schwindel bedeutet Schlaganfall
Die Angst vor einem Schlaganfall ist verständlich. Tatsächlich steckt jedoch hinter den meisten Schwindelbeschwerden keine akute neurologische Notfallsituation.
Häufige Ursachen sind beispielsweise:
- Gutartiger Lagerungsschwindel (BPLS)
- Vestibuläre Migräne
- Funktionsstörungen des Gleichgewichtsorgans
- Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD)
Trotzdem gilt: Treten plötzlich Lähmungen, Sprachstörungen, Doppelbilder oder eine ausgeprägte Gangunsicherheit auf, sollte umgehend medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
Mythos 2: Schwindel kommt immer von der Halswirbelsäule
Viele Patienten vermuten Verspannungen oder Blockaden der Halswirbelsäule als Ursache ihres Schwindels.
Tatsächlich können Beschwerden im Nackenbereich Schwindelsymptome beeinflussen. In den meisten Fällen liegt die eigentliche Ursache jedoch im Gleichgewichtssystem, im Gehirn oder in der Verarbeitung von Sinnesinformationen.
Nicht jeder Schwindel ist ein „HWS-Schwindel“.
Praxisbeispiel:
Eine 52-jährige Patientin stellte sich mit seit Monaten bestehendem Schwankschwindel vor. Bereits mehrere Behandlungen der Halswirbelsäule hatten keine nachhaltige Verbesserung gebracht.
In der weiteren Untersuchung zeigten sich typische Hinweise auf eine vestibuläre Migräne. Nach gezielter Aufklärung und entsprechender Therapie verbesserten sich die Beschwerden deutlich.
Die Halswirbelsäule war also nicht die eigentliche Ursache des Schwindels.
Mythos 3: Schwindel kommt vom Blutdruck
Niedriger oder schwankender Blutdruck kann Schwindel verursachen. Das gilt besonders beim schnellen Aufstehen.
Die meisten chronischen Schwindelerkrankungen wie Lagerungsschwindel, vestibuläre Migräne oder PPPD haben jedoch andere Ursachen.
Deshalb erklärt der Blutdruck längst nicht jeden Schwindel.
Mythos 4: Ein unauffälliges MRT bedeutet, dass nichts vorliegt
Viele Patienten sind erleichtert, wenn das MRT unauffällig ist. Andere sind frustriert, weil ihre Beschwerden weiterhin bestehen.
Wichtig zu wissen:
Viele Schwindelerkrankungen zeigen keinerlei Veränderungen im MRT.
Dazu gehören unter anderem:
- Lagerungsschwindel
- Vestibuläre Migräne
- PPPD
- Viele Störungen des Gleichgewichtsorgans
Ein unauffälliges MRT bedeutet also nicht automatisch, dass keine Ursache vorliegt.
Praxisbeispiel:
Ein 46-jähriger Patient berichtete über wiederkehrende Schwindelattacken seit mehreren Jahren. Das MRT des Kopfes war unauffällig, weshalb er zunehmend verunsichert war.
Die genaue Anamnese ergab schließlich typische Merkmale einer vestibulären Migräne. Obwohl sämtliche bildgebenden Untersuchungen normal waren, lag eine klar behandelbare neurologische Erkrankung vor.
Mythos 5: Bewegung macht Schwindel schlimmer
Viele Betroffene beginnen, bestimmte Bewegungen zu vermeiden.
Kurzfristig kann das verständlich sein. Langfristig kann Vermeidungsverhalten jedoch dazu führen, dass das Gleichgewichtssystem weniger effektiv trainiert wird.
Bei vielen Schwindelerkrankungen gehört gezielte Bewegung sogar zu den wichtigsten Bestandteilen der Behandlung.
Das Gehirn lernt durch Wiederholung und Erfahrung. Wer sich dauerhaft schont, nimmt dem Nervensystem diese wichtige Lernmöglichkeit.
Mythos 6: Im Alter ist Schwindel normal
Schwindel tritt mit zunehmendem Alter häufiger auf.
Normal ist er deshalb trotzdem nicht.
Hinter Schwindel im höheren Lebensalter können behandelbare Ursachen stecken, beispielsweise:
- Alterungsprozesse des Gleichgewichtssystems
- Lagerungsschwindel
- Medikamentennebenwirkungen
- Sehprobleme
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Eine sorgfältige Abklärung lohnt sich daher immer.
Mythos 7: Lagerungsschwindel kommt nur einmal im Leben vor
Leider nicht.
Der gutartige Lagerungsschwindel gehört zu den Schwindelerkrankungen mit den höchsten Rückfallraten überhaupt.
Viele Betroffene erleben im Laufe ihres Lebens mehrere Episoden.
Praxisbeispiel:
Eine Patientin berichtete, bereits zum fünften Mal unter Lagerungsschwindel zu leiden. Sie war überzeugt, etwas falsch gemacht zu haben oder die Kristalle immer wieder selbst auszulösen.
Tatsächlich gehören Rückfälle zu den typischen Eigenschaften dieser Erkrankung. Ein erneutes Auftreten bedeutet nicht automatisch, dass die vorherige Behandlung erfolglos war.
Wichtig ist vielmehr, die Ursache erneut zu identifizieren und gezielt zu behandeln.
Mythos 8: Wenn Ärzte nichts finden, ist alles psychisch
Dieser Satz belastet viele Patienten.
Tatsächlich gibt es zahlreiche funktionelle und vestibuläre Erkrankungen, die sich nicht durch Blutwerte, MRT oder Standarduntersuchungen nachweisen lassen.
Die Beschwerden sind trotzdem real.
Praxisbeispiel:
Ein 38-jähriger Patient hatte zahlreiche Untersuchungen hinter sich: MRT, HNO, Neurologie und Kardiologie. Alle Befunde waren unauffällig.
Trotzdem bestand täglich ein belastender Schwankschwindel, insbesondere in Supermärkten, Menschenmengen und großen Räumen.
Schließlich wurde ein persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD) diagnostiziert. Die Beschwerden waren real – auch wenn keine strukturelle Erkrankung nachweisbar war.
Mythos 9: Schwindel kann man nicht behandeln
Viele Patienten verlieren nach langer Leidensgeschichte die Hoffnung.
Dabei gibt es heute für zahlreiche Schwindelerkrankungen wirksame Behandlungsmöglichkeiten.
Dazu gehören unter anderem:
- Lagerungsmanöver
- Vestibuläre Rehabilitation
- Medikamentöse Therapien
- Aufklärung und Edukation
- Verhaltenstherapeutische Ansätze
Die Erfolgsaussichten sind oft deutlich besser als viele Betroffene vermuten.
Mythos 10: Wer Schwindel hat, sollte sich möglichst schonen
Ruhe kann in manchen Situationen sinnvoll sein.
Bei vielen chronischen Schwindelerkrankungen führt dauerhaftes Schonverhalten jedoch eher zu einer Verschlechterung.
Das Gehirn lernt durch Bewegung, Training und wiederholte Erfahrungen, mit veränderten Signalen umzugehen.
Deshalb gehört Aktivität häufig zu den wichtigsten Bestandteilen einer erfolgreichen Therapie.
Bonus-Mythos: Schwindel ist selten
Viele Betroffene fühlen sich mit ihren Beschwerden allein.
Tatsächlich gehört Schwindel zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch überhaupt. Millionen Menschen leiden zeitweise oder dauerhaft unter Schwindelbeschwerden.
Sie sind also keineswegs allein mit Ihren Symptomen.
Fazit
Rund um das Thema Schwindel existieren zahlreiche Missverständnisse. Viele davon führen dazu, dass Betroffene unnötige Ängste entwickeln oder hilfreiche Behandlungen nicht in Anspruch nehmen.
Die gute Nachricht ist: Für viele Schwindelerkrankungen gibt es heute wirksame diagnostische und therapeutische Möglichkeiten.
Der wichtigste Schritt besteht darin, die tatsächliche Ursache des Schwindels zu erkennen und gezielt zu behandeln.
Wenn Sie unter Schwindel leiden und unsicher sind, welche Ursache hinter Ihren Beschwerden steckt, kann eine spezialisierte Untersuchung helfen, Klarheit zu schaffen.
Autor: Tom Hanf
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken