Was ist ein Labyrinthinfarkt?
Ein Labyrinthinfarkt, auch Labyrinthapoplex genannt, ist eine seltene, aber wichtige Durchblutungsstörung des Innenohrs. Das Innenohr enthält sowohl das Hörorgan (Cochlea oder „Hörschnecke“) als auch das Gleichgewichtsorgan.
Kommt es zu einer plötzlichen Unterbrechung der Blutversorgung, können diese empfindlichen Strukturen innerhalb kurzer Zeit geschädigt werden. Man kann sich einen Labyrinthinfarkt daher als eine Art „Schlaganfall des Innenohrs“ vorstellen.
WICHTIGES WARNSIGNAL
Plötzlich auftretender Schwindel in Kombination mit einem Hörverlust auf einem Ohr gilt bis zum Beweis des Gegenteils als Warnsignal für eine Durchblutungsstörung des Innenohrs.
Diese Kombination sollte immer zeitnah durch eine Notaufnahme oder einen spezialisierten Arzt abgeklärt werden.
Besonders aufmerksam sollte man sein bei:
- Bluthochdruck
- Diabetes mellitus
- Rauchen
- Herzrhythmusstörungen (z. B. Vorhofflimmern)
- Bekannten Gefäßerkrankungen
- Früheren Schlaganfällen oder Herzinfarkten
Merksatz:
„Akuter Schwindel + akuter Hörverlust = Labyrinthinfarkt ausschließen.“
Wie entsteht ein Labyrinthinfarkt?
Das Innenohr wird über eine sehr kleine Arterie versorgt, die sogenannte Arteria labyrinthi.
Diese Arterie ist eine sogenannte Endarterie. Das bedeutet, dass es praktisch keine Umgehungskreisläufe gibt. Wird das Gefäß verschlossen, erhält das Innenohr nicht mehr ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe.
Mögliche Ursachen sind:
- Arteriosklerose (Gefäßverkalkung)
- Kleine Blutgerinnsel (Embolien)
- Vorhofflimmern oder andere Herzrhythmusstörungen
- Gefäßentzündungen
- Seltene Gerinnungsstörungen
Da das Innenohr einen hohen Energiebedarf hat, können bereits kurze Durchblutungsstörungen zu bleibenden Schäden führen.
Welche Symptome treten typischerweise auf?
Die Beschwerden beginnen meist plötzlich und ohne Vorwarnung.
Typische Symptome sind:
- Heftiger Drehschwindel
- Übelkeit und Erbrechen
- Plötzlicher Hörverlust auf einem Ohr
- Ohrgeräusche (Tinnitus)
- Gangunsicherheit
- Fallneigung zur betroffenen Seite
Viele Betroffene berichten, dass die Symptome innerhalb weniger Minuten entstanden sind.
Unterschied zur Neuritis vestibularis
Die Neuritis vestibularis (Entzündung bzw. Funktionsausfall des Gleichgewichtsnervs) ist die wichtigste Verwechslungsdiagnose.
Beide Erkrankungen verursachen:
- starken Drehschwindel
- Übelkeit
- Unsicherheit beim Gehen
Der entscheidende Unterschied:
Bei einer Neuritis vestibularis bleibt das Hörvermögen normalerweise erhalten.
Tritt gleichzeitig ein Hörverlust auf, sollte immer an einen Labyrinthinfarkt gedacht werden.
Unterschied zum Hörsturz
Ein Hörsturz verursacht meist einen plötzlichen Hörverlust, manchmal begleitet von Druckgefühl oder Tinnitus.
Beim Labyrinthinfarkt kommt jedoch zusätzlich ein ausgeprägter und anhaltender Schwindel hinzu, da nicht nur das Hörorgan, sondern auch das Gleichgewichtsorgan betroffen ist.
Unterschied zum Schlaganfall
Ein Labyrinthinfarkt entsteht ebenfalls durch eine Gefäßverschlusserkrankung.
Er kann isoliert auftreten oder Teil eines größeren Schlaganfalls im Bereich des Hirnstamms oder Kleinhirns sein.
Bei einem klassischen Schlaganfall kommen häufig weitere Symptome hinzu:
- Lähmungen
- Sprachstörungen
- Doppelbilder
- Gefühlsstörungen
- Bewusstseinsstörungen
Da diese Zeichen beim Labyrinthinfarkt oft fehlen, wird die Erkrankung leider nicht immer sofort erkannt.
Welche Untersuchungen sind notwendig?
Die wichtigste Untersuchung erfolgt zunächst durch einen erfahrenen Arzt anhand der Beschwerden und einer gezielten Untersuchung der Augenbewegungen.
Hierzu gehört insbesondere das sogenannte HINTS-Protokoll:
Kopfimpulstest
Prüfung der Funktion des Gleichgewichtssystems durch schnelle Kopfbewegungen.
Nystagmus-Test
Beurteilung von unwillkürlichen Augenbewegungen.
Test of Skew
Überprüfung einer möglichen vertikalen Fehlstellung der Augen.
Beim erweiterten HINTS-Plus-Test wird zusätzlich das Hörvermögen überprüft.
Weitere Untersuchungen können sein:
- Hörtest (Audiometrie)
- Videonystagmographie (VNG)
- Gleichgewichtsuntersuchungen
- Gefäßdiagnostik
- Herzuntersuchungen (EKG, Langzeit-EKG)
Warum wird die Diagnose häufig übersehen?
Der Labyrinthinfarkt gehört zu den schwierigsten Diagnosen in der Schwindelmedizin.
Die Beschwerden ähneln stark denen einer Vestibularisneuritis.
Hinzu kommt, dass:
- ein CT häufig unauffällig ist
- selbst ein frühes MRT in den ersten Stunden noch unauffällig sein kann
- die Schädigung des Innenohrs oft nicht direkt sichtbar ist
Deshalb sind die körperliche Untersuchung und die klinische Erfahrung häufig wichtiger als die frühe Bildgebung.
Wie wird behandelt?
Die Behandlung richtet sich vor allem nach der Ursache der Durchblutungsstörung.
Je nach Befund können eingesetzt werden:
- Blutverdünnende Medikamente
- Medikamente zur Schlaganfallvorbeugung
- Behandlung von Herzrhythmusstörungen
- Einstellung von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin
Gegen starke Übelkeit und Schwindel können in den ersten Tagen vorübergehend schwindeldämpfende Medikamente eingesetzt werden.
Wie sind die Heilungschancen?
Der Schwindel bessert sich häufig innerhalb von Tagen bis Wochen deutlich.
Das Gehirn besitzt die Fähigkeit, den Ausfall eines Gleichgewichtsorgans teilweise auszugleichen. Dieser Prozess wird als zentrale Kompensation bezeichnet.
Leider erholt sich das Gehör oft schlechter als das Gleichgewichtssystem. Deshalb können Hörminderungen oder Tinnitus dauerhaft bestehen bleiben.
Was kann ich selbst tun?
Nach der Akutphase spielt Bewegung eine entscheidende Rolle.
Hilfreich sind:
- Frühzeitige Mobilisation
- Vestibuläre Rehabilitation (Schwindeltraining)
- Regelmäßige körperliche Aktivität
- Behandlung von Gefäßrisikofaktoren
- Rauchstopp
- Gute Blutdruck- und Blutzuckereinstellung
Je aktiver das Gehirn trainiert wird, desto besser gelingt die Anpassung an die veränderte Gleichgewichtsfunktion.
Wann sollte ich sofort ärztliche Hilfe suchen?
Suchen Sie umgehend eine Notaufnahme auf bei:
- Plötzlich einsetzendem starkem Schwindel
- Gleichzeitig auftretendem Hörverlust auf einem Ohr
- Unfähigkeit zu stehen oder zu gehen
- Doppelbildern
- Sprachstörungen
- Lähmungen oder Gefühlsstörungen
- Neu aufgetretenen neurologischen Beschwerden
Zusammenfassung
Der Labyrinthinfarkt ist eine seltene, aber wichtige Durchblutungsstörung des Innenohrs. Das wichtigste Warnsignal ist die Kombination aus plötzlich auftretendem Schwindel und gleichzeitigem Hörverlust auf einem Ohr.
Obwohl moderne Bildgebungsverfahren in den ersten Stunden unauffällig sein können, lässt sich die Erkrankung häufig durch eine sorgfältige klinische Untersuchung erkennen. Eine schnelle medizinische Abklärung ist entscheidend, um die Ursache zu finden und weitere Gefäßereignisse zu verhindern.
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