Welche Therapien helfen bei anhaltendem Schwankschwindel nach einer Reise?
Das Mal de Débarquement Syndrom (MdDS) ist eine seltene Form des chronischen Schwankschwindels. Betroffene haben das Gefühl, weiterhin auf einem Schiff zu sein – obwohl sie längst wieder festen Boden unter den Füßen haben. Typisch sind ein dauerhaftes Schaukeln, Wippen oder Rollen des Körpers. Viele Patienten berichten außerdem, dass sich ihre Beschwerden während einer Autofahrt sogar kurzfristig bessern und nach dem Aussteigen wieder zunehmen.
Wenn Sie mehr über Ursachen, Symptome und die Diagnosestellung erfahren möchten, lesen Sie unsere Patienteninformation zum Mal de Débarquement Syndrom (MdDS).
In diesem Beitrag konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Behandlung. Welche Möglichkeiten gibt es heute? Warum helfen manche Therapien besser als andere? Und welche Rolle spielt die sogenannte optokinetische Behandlung?
Warum ist MdDS so schwer zu behandeln?
Die Behandlung des MdDS unterscheidet sich von vielen anderen Schwindelerkrankungen.
Nach heutigem Wissensstand liegt das Problem nicht in einer Schädigung des Gleichgewichtsorgans selbst. Vielmehr scheint das Gehirn nach einer längeren passiven Bewegung – beispielsweise einer Kreuzfahrt oder Segelreise – in einem angepassten Bewegungsmodus zu verbleiben. Obwohl die Reise längst beendet ist, verarbeitet das zentrale Nervensystem bestimmte Gleichgewichtsinformationen weiterhin so, als befände sich der Körper noch auf einem schwankenden Untergrund.
Die Behandlung verfolgt deshalb nicht das Ziel, ein „krankes Gleichgewichtsorgan“ zu reparieren, sondern dem Gehirn dabei zu helfen, diese Fehlanpassung wieder zurückzunehmen.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Da das Krankheitsbild individuell sehr unterschiedlich verläuft, besteht die Behandlung häufig aus mehreren Bausteinen. Nicht jede Therapie hilft jedem Patienten gleichermaßen.
1. Aufklärung – ein wichtiger erster Therapieschritt
Viele Betroffene haben bereits zahlreiche Arztbesuche hinter sich, bevor die Diagnose gestellt wird. Entsprechend groß ist häufig die Sorge, dass eine schwerwiegende neurologische Erkrankung übersehen wurde.
Zu verstehen, warum die Beschwerden entstehen, nimmt vielen Patienten bereits einen Teil der Unsicherheit. MdDS bedeutet nicht, dass das Gehirn dauerhaft geschädigt ist. Vielmehr handelt es sich wahrscheinlich um eine veränderte Verarbeitung vestibulärer Informationen – und genau diese kann sich unter geeigneten Bedingungen wieder normalisieren.
2. Bewegung statt Schonung
Aus Angst vor einer Verschlechterung reduzieren viele Betroffene ihre körperliche Aktivität. Langfristig kann dies jedoch eher nachteilig sein.
Regelmäßige Bewegung liefert dem Gehirn wichtige Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan, den Augen sowie Muskeln und Gelenken. Diese Reize unterstützen die erneute Anpassung des Gleichgewichtssystems.
Geeignet sind beispielsweise:
- regelmäßige Spaziergänge
- leichtes Ausdauertraining
- moderates Radfahren
- individuell angepasste Gleichgewichtsübungen
- vestibuläre Rehabilitation
Entscheidend ist eine dosierte Belastung. Weder dauerhafte Schonung noch Überforderung sind sinnvoll.
Warum Spaziergänge häufig sinnvoller sind als ein Laufband
Diese Frage wird häufig gestellt.
Beim Gehen im Freien bewegt sich der Körper tatsächlich durch den Raum. Das Gehirn erhält dabei stimmige Informationen aus dem Gleichgewichtssystem, den Augen sowie aus Muskeln und Gelenken.
Auf einem Laufband fehlen dagegen viele dieser natürlichen Bewegungsinformationen. Obwohl sich Beine und Augen bewegen, findet kaum eine echte Ortsveränderung statt.
Aus diesem Grund empfehlen viele Spezialisten bei MdDS zunächst Spaziergänge in einer realen Umgebung.
3. Vestibuläre Rehabilitation
Die vestibuläre Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung vieler Schwindelerkrankungen.
Beim MdDS steht weniger die Kompensation eines Funktionsausfalls des Gleichgewichtsorgans im Vordergrund, sondern vielmehr die Verbesserung der zentralen Verarbeitung sensorischer Informationen.
Je nach Beschwerdebild können unter anderem folgende Übungen eingesetzt werden:
- Blickstabilisation
- Gleichgewichtstraining
- Gangtraining
- Training in visuell anspruchsvollen Umgebungen
- schrittweise Belastungssteigerung im Alltag
Das Übungsprogramm sollte immer individuell angepasst werden.
Die optokinetische Behandlung – der derzeit spezifischste Therapieansatz
In den vergangenen Jahren hat insbesondere die optokinetische Behandlung internationale Aufmerksamkeit erhalten.
Dabei betrachtet der Patient ein Muster aus sich bewegenden vertikalen Streifen, während gleichzeitig langsame Kopfbewegungen durchgeführt werden.
Ziel ist es, die fehlerhafte Anpassung des Gehirns schrittweise wieder zu normalisieren.
Die Behandlung basiert auf der Erkenntnis, dass unser Gehirn seine Verarbeitung von Bewegungsreizen ständig an die Umgebung anpasst. Während einer längeren Schiffsreise ist diese Anpassung sinnvoll. Beim MdDS scheint sie nach der Rückkehr an Land jedoch bestehen zu bleiben.
Durch die Kombination aus optischen Bewegungsreizen und kontrollierten Kopfbewegungen erhält das Gehirn gezielt Informationen, die diese Fehlanpassung wieder zurückführen sollen.
Wie läuft die Behandlung ab?
Während der Therapie betrachtet der Patient ein Bildschirmmuster mit kontinuierlich bewegten vertikalen Streifen.
Gleichzeitig wird der Kopf langsam von einer Schulter zur anderen geneigt.
Dabei kommt es auf mehrere Faktoren an:
- die individuell festgelegte Bewegungsrichtung der Streifen,
- die Geschwindigkeit der Kopfbewegung,
- die Dauer der Behandlung,
- sowie die regelmäßige Wiederholung.
Gerade diese Details entscheiden häufig über den Erfolg der Behandlung.
Die richtige Bewegungsrichtung
Im Internet findet man häufig einfache Faustregeln wie:
„Wenn Sie nach rechts schwanken, müssen sich die Streifen nach links bewegen.”
So einfach ist es jedoch nicht.
In spezialisierten Zentren wird die Behandlungsrichtung individuell festgelegt. Dabei werden unter anderem berücksichtigt:
- die subjektiv empfundene Schwankrichtung,
- die Art der Eigenbewegung (Schaukeln, Rollen oder Wippen),
- sowie die unmittelbare Reaktion während der Untersuchung.
Deshalb sollte die Einstellung möglichst durch einen erfahrenen Therapeuten erfolgen.
Warum die Geschwindigkeit so wichtig ist
Nicht nur die Richtung, sondern auch die Geschwindigkeit der Kopfbewegung spielt eine entscheidende Rolle.
In vielen Therapieprotokollen wird hierfür ein Metronom verwendet.
Ein häufig verwendeter Rhythmus beträgt etwa 10 vollständige Bewegungszyklen pro Minute.
Das bedeutet:
Ein kompletter Bewegungsablauf – von einer Schulter über die Mittelstellung zur anderen Schulter und wieder zurück – dauert ungefähr sechs Sekunden.
Die Bewegung erfolgt:
- ruhig,
- fließend,
- ohne ruckartige Richtungswechsel,
- ausschließlich als Kopfneigung – nicht als Kopfdrehung.
Gerade diese langsame Ausführung unterscheidet die Behandlung deutlich von vielen klassischen Gleichgewichtsübungen.
Wie gut wirkt die optokinetische Behandlung?
Die wissenschaftliche Datenlage entwickelt sich stetig weiter.
Studien aus spezialisierten Zentren zeigen, dass ein relevanter Teil der Patienten von dieser Behandlung profitieren kann. Besonders bei frühzeitigem Therapiebeginn werden häufig deutliche Verbesserungen beschrieben.
Dennoch ist es wichtig, realistische Erwartungen zu haben.
Nicht jeder Patient spricht gleichermaßen auf die Behandlung an. Manche benötigen mehrere Therapiezyklen, andere profitieren nur teilweise oder gar nicht. Welche Faktoren den Behandlungserfolg beeinflussen, wird derzeit intensiv erforscht.
Aus der Praxis
Viele Patienten glauben zunächst, sie müssten sich möglichst schonen.
Unsere Erfahrung zeigt jedoch häufig das Gegenteil: Eine individuell angepasste Aktivität, kombiniert mit einer gezielten vestibulären Rehabilitation und – wenn geeignet – einer optokinetischen Behandlung, unterstützt das Gehirn dabei, seine Verarbeitung schrittweise wieder zu normalisieren.
Gerade deshalb lohnt sich eine sorgfältige Diagnostik. Sie bildet die Grundlage für eine Therapie, die auf die persönlichen Beschwerden abgestimmt ist.
Fazit
Das Mal de Débarquement Syndrom stellt sowohl Betroffene als auch Behandler vor besondere Herausforderungen. Gleichzeitig hat sich das Verständnis dieser Erkrankung in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.
Heute stehen verschiedene Therapieansätze zur Verfügung. Neben einer umfassenden Aufklärung, einer individuell angepassten vestibulären Rehabilitation und regelmäßiger Bewegung spielt insbesondere die optokinetische Behandlung eine wichtige Rolle.
Entscheidend ist jedoch, dass die Therapie nicht nach einem starren Schema erfolgt. Eine sorgfältige Diagnostik und ein individuell abgestimmtes Behandlungskonzept bieten die besten Voraussetzungen, um die Beschwerden langfristig zu verbessern.
Im nächsten Beitrag stellen wir Ihnen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur optokinetischen Heimbehandlung als kostenlosen Download zur Verfügung. Dort erfahren Sie, wie eine Behandlungseinheit aufgebaut ist, welche Fehler vermieden werden sollten und worauf während der Durchführung besonders zu achten ist.
Autor: Tom Hanf
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken