Schwindel bei Multipler Sklerose – Ursachen, Diagnose und Behandlung
Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) leiden im Verlauf ihrer Erkrankung unter Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen. Manche Betroffene beschreiben Drehschwindel, andere fühlen sich beim Gehen unsicher oder berichten über Benommenheit. Doch nicht jeder Schwindel wird direkt durch die Multiple Sklerose verursacht. Gerade deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik entscheidend.
Was ist Multiple Sklerose?
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das körpereigene Immunsystem greift dabei die schützende Myelinschicht der Nervenfasern an. Dadurch entstehen Entzündungsherde – sogenannte Läsionen – im Gehirn und Rückenmark.
Die Myelinschicht wirkt ähnlich wie die Isolierung eines Stromkabels. Wird sie beschädigt, werden Nervenimpulse langsamer oder fehlerhaft weitergeleitet.
Dadurch können ganz unterschiedliche Beschwerden auftreten, beispielsweise:
- Sehstörungen
- Gefühlsstörungen
- Muskelschwäche
- Koordinationsstörungen
- Fatigue
- Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
Welche Symptome auftreten, hängt vor allem davon ab, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind.
Warum kann Multiple Sklerose Schwindel verursachen?
Unser Gleichgewicht entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Systeme.
Informationen aus
- dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr,
- den Augen,
- Muskeln und Gelenken
werden im Gehirn ständig miteinander verglichen und verarbeitet.
Sind durch die Multiple Sklerose Bereiche betroffen, die für diese Verarbeitung verantwortlich sind, kann Schwindel entstehen.
Besonders häufig betrifft dies:
- den Hirnstamm,
- das Kleinhirn,
- vestibuläre Kerngebiete,
- Augenbewegungszentren,
- sowie die Verbindungsbahnen zwischen diesen Strukturen.
Dadurch kann das Gehirn Informationen über Bewegung und Gleichgewicht nicht mehr optimal verarbeiten.
Die Folge können Unsicherheit, Benommenheit oder Schwindel sein.
Wie häufig tritt Schwindel bei Multipler Sklerose auf?
Schwindel gehört zu den häufigen Beschwerden bei Multipler Sklerose.
Je nach Studie berichten etwa 20 bis 60 Prozent aller Menschen mit MS im Verlauf ihrer Erkrankung über Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen.
Bei einem Teil der Betroffenen gehören Schwindel oder Doppelbilder sogar zu den ersten Symptomen der Erkrankung.
Gerade deshalb sollte neu aufgetretener Schwindel – insbesondere wenn zusätzlich neurologische Beschwerden bestehen – immer sorgfältig abgeklärt werden.
Aus der Praxis
Frau K., 39 Jahre, lebt seit mehreren Jahren mit einer schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose.
Seit einigen Wochen verspürte sie beim schnellen Umdrehen einen kurzen Drehschwindel. Zusätzlich fühlte sie sich beim Gehen deutlich unsicher.
Da die Beschwerden neu aufgetreten waren, ging sie zunächst davon aus, dass ihre MS erneut aktiver geworden sei.
Bei der vestibulären Untersuchung zeigte sich jedoch zusätzlich ein gutartiger Lagerungsschwindel des hinteren Bogengangs.
Nach einem Epley-Manöver verschwand der Drehschwindel vollständig.
Die leichte Gangunsicherheit bestand weiterhin und konnte anschließend gezielt mit vestibulärer Rehabilitation behandelt werden.
Dieser Fall zeigt sehr deutlich:
Nicht jeder Schwindel bei Multipler Sklerose wird durch die MS selbst verursacht.
Gerade zusätzliche vestibuläre Erkrankungen können häufig erfolgreich behandelt werden.
Wie fühlt sich Schwindel bei Multipler Sklerose an?
Nicht jeder Betroffene beschreibt seine Beschwerden gleich.
Je nach betroffener Hirnregion können ganz unterschiedliche Symptome auftreten.
Viele Patienten berichten über:
- Drehschwindel
- Schwankschwindel
- Benommenheit
- Unsicherheit beim Gehen
- das Gefühl „wie auf einem schwankenden Boot“
- Doppelbilder
- verschwommenes Sehen
- Übelkeit
- Gleichgewichtsprobleme
Gerade diese unterschiedlichen Beschwerden machen deutlich, dass Schwindel bei Multipler Sklerose keine einheitliche Ursache hat.
Warum entstehen häufig zusätzlich Augenbewegungsstörungen?
Für ein stabiles Gleichgewicht reicht ein gesundes Innenohr allein nicht aus.
Auch die Augen müssen sich präzise bewegen.
Bei Multipler Sklerose können Entzündungsherde Bereiche betreffen, die Augenbewegungen koordinieren.
Dadurch können unter anderem auftreten:
- Nystagmus (unwillkürliche Augenbewegungen)
- Doppelbilder
- Blickrichtungsnystagmus
- internukleäre Ophthalmoplegie (INO)
- Schwierigkeiten bei schnellen Blickwechseln
Diese Veränderungen können das Gleichgewicht zusätzlich beeinträchtigen und Schwindel verstärken.
Gerade die internukleäre Ophthalmoplegie (INO) gehört zu den klassischen okulomotorischen Befunden bei Multipler Sklerose und liefert häufig wichtige diagnostische Hinweise.
Schwindel bedeutet nicht automatisch MS
Ein besonders wichtiger Punkt ist:
Nicht jede Schwindelbeschwerde eines MS-Patienten wird durch die Multiple Sklerose verursacht.
Zusätzlich können beispielsweise auftreten:
- gutartiger Lagerungsschwindel,
- vestibuläre Hypofunktion,
- vestibuläre Migräne,
- orthostatische Hypotonie,
- Medikamentennebenwirkungen,
- altersbedingte Gleichgewichtsstörungen.
Gerade diese Ursachen lassen sich teilweise sehr erfolgreich behandeln.
Deshalb sollte Schwindel niemals vorschnell ausschließlich der Multiplen Sklerose zugeschrieben werden.
Wie findet man die Ursache des Schwindels?
Schwindel gehört zu den häufigen Beschwerden bei Multipler Sklerose.
Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch darin, die genaue Ursache zu finden.
Denn Schwindel ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Hat der Patient Multiple Sklerose?“
Sondern:
„Welche Ursache hat der Schwindel?“
Gerade bei Menschen mit MS können mehrere Ursachen gleichzeitig vorliegen.
Das ausführliche Gespräch liefert häufig die wichtigsten Hinweise
Bereits die Beschreibung der Beschwerden gibt oft entscheidende Hinweise.
Typische Fragen sind:
- Wann tritt der Schwindel auf?
- Besteht Drehschwindel oder eher Schwankschwindel?
- Wird der Schwindel durch Lagewechsel ausgelöst?
- Treten Doppelbilder auf?
- Bestehen Hörprobleme?
- Hat sich das Gangbild verändert?
- Gab es einen aktuellen Schub?
- Wurde die Medikation verändert?
Diese Informationen helfen häufig bereits dabei, zentrale und periphere Ursachen voneinander zu unterscheiden.
Die neurologische Untersuchung
Da Multiple Sklerose das zentrale Nervensystem betrifft, gehört eine ausführliche neurologische Untersuchung selbstverständlich zur Diagnostik.
Dabei werden unter anderem beurteilt:
- Muskelkraft
- Reflexe
- Sensibilität
- Koordination
- Gangbild
- Standstabilität
- Augenbewegungen
Besonders Augenbewegungsstörungen liefern häufig wichtige Hinweise auf Läsionen im Hirnstamm oder Kleinhirn.
Die vestibuläre Untersuchung
Neben der neurologischen Untersuchung sollte auch das Gleichgewichtssystem gezielt untersucht werden.
Dazu gehören beispielsweise:
- Untersuchung auf Spontannystagmus
- Kopfimpulstest (HIT) beziehungsweise Video-Kopfimpulstest (vHIT)
- Lagerungsprüfungen (Dix-Hallpike-Test und Supine-Roll-Test)
- Dynamische Sehschärfe
- Gleichgewichtstests
- Funktionelle Gangtests
Gerade bei MS wird die vestibuläre Untersuchung im klinischen Alltag häufig unterschätzt.
Dabei können zusätzlich gut behandelbare Erkrankungen wie ein Lagerungsschwindel oder eine vestibuläre Hypofunktion bestehen.
Welche Rolle spielt das MRT?
Die Magnetresonanztomographie (MRT) gehört zu den wichtigsten Untersuchungen bei Multipler Sklerose.
Sie kann Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark sichtbar machen und liefert wichtige Informationen über die Aktivität der Erkrankung.
Dennoch gilt:
Ein MRT allein erklärt nicht automatisch die Ursache des Schwindels.
Nicht jede sichtbare Läsion verursacht Beschwerden.
Umgekehrt können Patienten deutliche Schwindelsymptome haben, obwohl im MRT keine neue aktive Läsion nachweisbar ist.
Deshalb müssen die MRT-Befunde immer gemeinsam mit der klinischen Untersuchung beurteilt werden.
Kann zusätzlich eine vestibuläre Erkrankung bestehen?
Ja – und genau das wird häufig übersehen.
Menschen mit Multipler Sklerose können selbstverständlich dieselben vestibulären Erkrankungen entwickeln wie Menschen ohne MS.
Dazu gehören beispielsweise:
- gutartiger Lagerungsschwindel
- vestibuläre Hypofunktion
- vestibuläre Migräne
- Morbus Menière
- altersbedingte Gleichgewichtsstörungen
Deshalb sollte Schwindel niemals automatisch ausschließlich auf die Multiple Sklerose zurückgeführt werden.
Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik ist entscheidend.
Was hilft bei Schwindel durch Multiple Sklerose?
Die Behandlung richtet sich immer nach der zugrunde liegenden Ursache.
Je nach Situation kommen unterschiedliche Maßnahmen infrage.
Behandlung eines akuten Schubes
Steht ein akuter entzündlicher Schub im Vordergrund, erfolgt die Behandlung in der Regel neurologisch, häufig mit einer hochdosierten Kortisontherapie.
Dadurch können sich auch Schwindelbeschwerden bessern, wenn sie direkt durch die entzündliche Aktivität verursacht wurden.
Vestibuläre Rehabilitation
Bestehen Gleichgewichtsstörungen oder vestibuläre Funktionsstörungen, kann eine gezielte vestibuläre Rehabilitation einen wichtigen Beitrag leisten.
Je nach Befund umfasst sie beispielsweise:
- Blickstabilisationsübungen
- Training der Augen-Kopf-Koordination
- Gleichgewichtstraining
- Gangtraining
- Training der sensorischen Integration
- funktionelle Alltagsübungen
- Sturzprävention
Mehrere systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass vestibuläre Rehabilitation bei Menschen mit Multipler Sklerose Gleichgewicht, Mobilität und Schwindel verbessern kann. Die Evidenz ist deutlich besser als noch vor einigen Jahren, auch wenn weitere hochwertige Studien weiterhin wünschenswert sind.
Bewegung bleibt einer der wichtigsten Therapiebausteine
Früher wurde Menschen mit Multipler Sklerose häufig geraten, sich möglichst zu schonen.
Heute wissen wir:
Regelmäßige körperliche Aktivität gehört zu den wichtigsten Bestandteilen der Behandlung.
Sie verbessert unter anderem:
- Gleichgewicht
- Ganggeschwindigkeit
- Muskelkraft
- Ausdauer
- Selbstvertrauen im Alltag
- Lebensqualität
Das Training sollte individuell an den aktuellen Gesundheitszustand angepasst werden und kann sowohl physiotherapeutisch begleitet als auch selbstständig durchgeführt werden.
Merkkasten
Nicht jeder Schwindel bei Multipler Sklerose entsteht durch neue Entzündungsherde.
Zusätzliche vestibuläre Erkrankungen sind häufig und sollten gezielt gesucht werden.
Gerade diese Ursachen lassen sich oftmals sehr erfolgreich behandeln.
Was können Betroffene selbst tun?
Viele Menschen mit Multipler Sklerose fragen sich:
„Kann ich selbst etwas tun, um meinen Schwindel zu verbessern?“
Die Antwort lautet in vielen Fällen: Ja.
Auch wenn die Multiple Sklerose selbst nicht heilbar ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Schwindel zu lindern, das Gleichgewicht zu verbessern und die Sicherheit im Alltag zu erhöhen.
Entscheidend ist jedoch, dass die Maßnahmen immer auf die tatsächliche Ursache der Beschwerden abgestimmt werden.
1. Körperlich aktiv bleiben
Früher wurde Menschen mit Multipler Sklerose häufig geraten, sich möglichst zu schonen.
Heute wissen wir, dass regelmäßige Bewegung ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist.
Individuell angepasstes Training kann dazu beitragen,
- das Gleichgewicht zu verbessern,
- die Muskelkraft zu erhalten,
- die Mobilität zu fördern,
- das Sturzrisiko zu reduzieren
- und das Vertrauen in den eigenen Körper wieder zu stärken.
Geeignet sind beispielsweise Gehtraining, Gleichgewichtsübungen, Krafttraining, Ausdauertraining oder physiotherapeutisch angeleitete Übungen.
2. Das Gleichgewicht gezielt trainieren
Unser Gehirn besitzt die Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen anzupassen.
Diese Fähigkeit wird als Neuroplastizität bezeichnet.
Gezielte vestibuläre Übungen unterstützen diesen Anpassungsprozess.
Dazu gehören unter anderem:
- Blickstabilisationsübungen
- Gleichgewichtstraining
- Gangtraining
- Training auf unterschiedlichen Untergründen
- funktionelle Alltagsübungen
Das Ziel besteht nicht darin, Schwindel vollständig zu vermeiden, sondern das Gehirn wieder sicherer mit Gleichgewichtsinformationen arbeiten zu lassen.
3. Vermeidung vermeiden
Viele Betroffene entwickeln verständlicherweise Angst vor Situationen, in denen Schwindel auftritt.
Sie verzichten beispielsweise auf:
- längere Spaziergänge,
- Einkaufen,
- Rolltreppen,
- Menschenmengen,
- oder sportliche Aktivitäten.
Kurzfristig fühlt sich diese Vermeidung oft sicher an.
Langfristig kann sie jedoch dazu führen, dass das Gehirn immer weniger Gelegenheit erhält, Gleichgewichtsinformationen zu verarbeiten.
Deshalb gehört ein individuell angepasstes Training mit einer schrittweisen Rückkehr zu alltäglichen Aktivitäten häufig zu den wichtigsten Bestandteilen der Therapie.
4. Auf Warnzeichen achten
Nicht jeder Schwindel ist harmlos.
Neu auftretende oder deutlich zunehmende Beschwerden sollten immer ärztlich abgeklärt werden – insbesondere wenn zusätzlich folgende Symptome auftreten:
- Doppelbilder,
- starke Gangstörungen,
- ausgeprägte Koordinationsprobleme,
- Sprachstörungen,
- Gefühlsstörungen,
- Lähmungen,
- starke Kopfschmerzen
- oder ein plötzlicher Hörverlust.
In diesen Fällen sollte zeitnah neurologische beziehungsweise medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
Ist Schwindel ein erstes Anzeichen einer Multiplen Sklerose?
Ja – Schwindel kann in manchen Fällen zu den ersten Symptomen einer Multiplen Sklerose gehören.
Er tritt jedoch selten isoliert auf.
Häufig bestehen zusätzlich weitere neurologische Beschwerden wie:
- Doppelbilder,
- Sehstörungen,
- Taubheitsgefühle,
- Kribbeln,
- Gangunsicherheit,
- Muskelschwäche
- oder ausgeprägte Fatigue.
Gerade deshalb sollte neu aufgetretener Schwindel zusammen mit neurologischen Begleitsymptomen immer zeitnah neurologisch abgeklärt werden.
Unser Fazit
Schwindel gehört zu den häufigen Beschwerden bei Multipler Sklerose und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Die Ursachen sind jedoch vielfältig.
Neben entzündlichen Veränderungen im zentralen Nervensystem können auch Augenbewegungsstörungen, Gleichgewichtsstörungen oder zusätzliche vestibuläre Erkrankungen zu den Beschwerden beitragen.
Gerade deshalb sollte Schwindel niemals vorschnell ausschließlich der Multiplen Sklerose zugeschrieben werden.
Eine sorgfältige Diagnostik hilft dabei, die eigentliche Ursache zu erkennen und gezielt zu behandeln.
Die gute Nachricht lautet:
Viele Ursachen von Schwindel lassen sich heute wirksam behandeln.
Moderne neurologische Therapien, vestibuläre Rehabilitation und individuell angepasste Trainingsprogramme können dazu beitragen, Gleichgewicht, Mobilität und Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Autor: Tom Hanf
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken