Schwindel bei Polyneuropathie

Schwindel bei Polyneuropathie – Warum das Gleichgewicht unsicher wird

Viele Menschen mit einer Polyneuropathie berichten über Schwindel, Unsicherheit oder das Gefühl, jederzeit das Gleichgewicht zu verlieren. Oft dreht sich dabei gar nichts. Vielmehr fehlt das sichere Gefühl für den Boden unter den Füßen. Warum das so ist und was Sie dagegen tun können, erfahren Sie in diesem Artikel.

 

Was ist eine Polyneuropathie?

Die Polyneuropathie gehört zu den häufigsten Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Dabei werden mehrere Nerven gleichzeitig geschädigt, meist zunächst an den Füßen und später teilweise auch an den Händen.

Die Ursachen sind vielfältig. Zu den häufigsten zählen:
  • Diabetes mellitus
  • langjähriger Alkoholkonsum
  • Chemotherapie
  • Vitaminmangel (z. B. Vitamin B12)
  • bestimmte Medikamente
  • Autoimmunerkrankungen
  • genetische Erkrankungen
  • in vielen Fällen bleibt die Ursache jedoch unbekannt (idiopathische Polyneuropathie)
Typische Beschwerden sind:
  • Kribbeln
  • Taubheitsgefühl
  • Brennen oder Schmerzen
  • vermindertes Berührungsempfinden
  • Unsicherheit beim Gehen
  • Stürze
Viele Patienten sagen deshalb:

„Ich habe ständig Schwindel.“
Bei genauerem Nachfragen stellt sich jedoch häufig heraus:
Es dreht sich gar nichts. Ich fühle mich einfach unsicher.
Dieser Unterschied ist entscheidend.

 

Warum entsteht bei Polyneuropathie überhaupt Schwindel?

Eigentlich handelt es sich häufig gar nicht um einen klassischen Schwindel.
Das Problem liegt vielmehr darin, dass das Gehirn wichtige Informationen aus den Füßen nicht mehr zuverlässig erhält.
Unser Gleichgewicht funktioniert nur dann optimal, wenn drei Sinnessysteme gleichzeitig zusammenarbeiten.

Die drei Säulen unseres Gleichgewichts
Unser Gehirn erhält ständig Informationen aus drei Quellen:
Die Augen
Sie liefern Informationen über unsere Umgebung und unsere Bewegungen.

Das Gleichgewichtsorgan
Im Innenohr registriert es jede Kopfbewegung und jede Lageveränderung.

Muskeln, Gelenke und Füße
Rezeptoren in Muskeln, Gelenken und besonders in den Fußsohlen melden dem Gehirn ständig:
  • Wo stehe ich?
  • Wie verteilt sich mein Gewicht?
  • Ist der Untergrund fest oder weich?
  • Bewege ich mich?
Erst das Zusammenspiel dieser drei Systeme ermöglicht ein sicheres Gleichgewicht.
 

Was passiert bei einer Polyneuropathie?

Bei einer Polyneuropathie werden die Nerven geschädigt, die Informationen aus den Füßen zum Gehirn weiterleiten.
Dadurch erhält das Gehirn deutlich weniger Rückmeldungen über den Kontakt zum Boden.
Das Gehirn muss diese fehlenden Informationen nun durch die beiden anderen Systeme ausgleichen.

Es verlässt sich deshalb stärker auf:
  • die Augen
  • und das Gleichgewichtsorgan.
Das funktioniert tagsüber meist erstaunlich gut.
Viele Betroffene merken zunächst nur eine leichte Unsicherheit.
Erst wenn die Anforderungen steigen, wird das Problem deutlich.
 

Warum wird es im Dunkeln häufig schlimmer?

Eine der häufigsten Aussagen von Menschen mit Polyneuropathie lautet:
„Sobald es dunkel wird, kann ich kaum noch sicher laufen.”

Dieses Phänomen lässt sich sehr gut erklären.
Tagsüber helfen die Augen dabei, die fehlenden Informationen aus den Füßen zu ersetzen.
Im Dunkeln fällt diese wichtige Informationsquelle jedoch weitgehend weg.
Jetzt bleiben dem Gehirn fast nur noch die Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan.
Dadurch nimmt die Unsicherheit deutlich zu.
Viele Patienten beschreiben das Gefühl, als würden sie „ins Leere treten“ oder den Boden nicht mehr richtig spüren.
Aus diesem Grund ist das Sturzrisiko insbesondere nachts oder in schlecht beleuchteten Räumen deutlich erhöht.
 

Aus der Praxis

Herr K., 68 Jahre, leidet seit vielen Jahren an einer diabetischen Polyneuropathie.
Vor allem nachts fühlte er sich beim Gang zur Toilette zunehmend unsicher.
Er berichtete:
„Sobald ich das Licht ausschalte, habe ich das Gefühl, den Boden unter meinen Füßen nicht mehr richtig zu spüren.“
Bei der Untersuchung zeigte sich ein deutlich vermindertes Vibrationsempfinden an beiden Füßen sowie eine eingeschränkte Tiefensensibilität.
Zusätzlich bestand eine leichte vestibuläre Hypofunktion, die bisher nicht erkannt worden war.
Durch gezieltes Gleichgewichtstraining, vestibuläre Rehabilitation und einfache Maßnahmen wie eine bessere Nachtbeleuchtung konnte seine Sicherheit im Alltag deutlich verbessert werden.
Dieser Fall zeigt eindrucksvoll:
Nicht jede Unsicherheit bei Polyneuropathie wird ausschließlich durch die Nervenschädigung verursacht. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen – und genau deshalb lohnt sich eine gezielte Diagnostik.
 

Merkkasten

Polyneuropathie verursacht häufig keinen klassischen Drehschwindel.
Vielmehr fehlen dem Gehirn wichtige Informationen aus den Füßen. Dadurch entsteht Unsicherheit beim Stehen und Gehen – insbesondere im Dunkeln oder auf unebenem Untergrund.
 

Wie findet man die Ursache der Unsicherheit?

Menschen mit Polyneuropathie beschreiben ihre Beschwerden häufig als Schwindel.
Tatsächlich können jedoch ganz unterschiedliche Ursachen dahinterstecken.
Deshalb lautet die wichtigste Frage nicht:
„Hat der Patient eine Polyneuropathie?“
Sondern:
„Welche Systeme tragen zu den Gleichgewichtsstörungen bei?“
Denn Gleichgewicht entsteht immer durch das Zusammenspiel mehrerer Sinnessysteme.
Fällt eines davon aus, müssen die anderen stärker arbeiten.
Sind mehrere Systeme gleichzeitig beeinträchtigt, steigt die Unsicherheit deutlich an.
 

Die neurologische Untersuchung

Am Beginn steht eine ausführliche neurologische Untersuchung.
Dabei werden unter anderem geprüft:
  • Berührungsempfinden
  • Vibrationsempfinden (Stimmgabel)
  • Tiefensensibilität
  • Muskelkraft
  • Eigenreflexe
  • Gangbild
  • Standstabilität
Gerade die Tiefensensibilität liefert häufig entscheidende Hinweise.
Kann das Gehirn die Stellung der Füße im Raum nicht mehr ausreichend wahrnehmen, entstehen Unsicherheit und ein erhöhtes Sturzrisiko.

 

Das Gleichgewichtssystem sollte immer mit untersucht werden

Ein häufiger Fehler besteht darin, sämtliche Beschwerden ausschließlich der Polyneuropathie zuzuschreiben.
Dabei können zusätzlich Störungen des Gleichgewichtsorgans vorliegen.
Deshalb gehören – insbesondere bei anhaltendem Schwindel oder ausgeprägter Unsicherheit – auch vestibuläre Untersuchungen dazu.

Hierzu zählen beispielsweise:
  • Untersuchung auf Spontannystagmus
  • Kopfimpulstest (HIT) beziehungsweise Video-Kopfimpulstest (vHIT)
  • Dynamische Sehschärfe
  • Lagerungsprüfungen (Dix-Hallpike-Test und Supine-Roll-Test)
  • mCTSIB (Modified Clinical Test of Sensory Interaction on Balance)
  • Functional Gait Assessment (FGA)
Gerade der mCTSIB eignet sich hervorragend, um sichtbar zu machen, welches Sinnessystem die größten Schwierigkeiten bereitet.
 

Der mCTSIB – Welches Sinnessystem fällt aus?

Der Modified Clinical Test of Sensory Interaction on Balance (mCTSIB) ist ein einfach durchzuführender Gleichgewichtstest.
Dabei wird geprüft, wie gut das Gehirn unterschiedliche Sinnesinformationen verarbeitet.

Die vier Testbedingungen zeigen, auf welche Informationsquellen sich der Patient verlassen kann:
  • 1. Fester Untergrund – Augen geöffnet
  • 2. Fester Untergrund – Augen geschlossen
  • 3. Schaumstoff – Augen geöffnet
  • 4. Schaumstoff – Augen geschlossen
Gerade die vierte Bedingung stellt hohe Anforderungen an das Gleichgewichtssystem.
Sind gleichzeitig die Informationen aus den Füßen eingeschränkt und die Augen geschlossen, bleibt fast ausschließlich das Gleichgewichtsorgan als Orientierungshilfe.
Viele Menschen mit Polyneuropathie zeigen hier deutliche Schwierigkeiten.

 

Nicht jede Unsicherheit kommt ausschließlich von der Polyneuropathie

Genau hier liegt einer der wichtigsten Punkte.
Viele Patienten haben nicht nur eine Ursache.

Häufig bestehen zusätzlich:
  • eine vestibuläre Hypofunktion,
  • ein gutartiger Lagerungsschwindel,
  • Presbyvestibulopathie (Altersschwindel),
  • orthostatische Hypotonie,
  • Medikamentennebenwirkungen,
  • Sehprobleme (z. B. Katarakt oder Makuladegeneration).
Jede dieser Erkrankungen kann das Gleichgewicht zusätzlich verschlechtern.
Werden sie erkannt und behandelt, verbessert sich die Mobilität häufig deutlich.
 

Was hilft bei Polyneuropathie und Gleichgewichtsstörungen?

Die Behandlung richtet sich immer nach der Ursache.
Eine einzelne Maßnahme reicht meist nicht aus.
Vielmehr setzt sich die Therapie häufig aus mehreren Bausteinen zusammen.
Training der Sensibilität
Auch wenn geschädigte Nerven nicht vollständig regenerieren, kann das Gehirn lernen, vorhandene Informationen besser zu nutzen.
Hierzu gehören beispielsweise:
  • Barfußtraining auf unterschiedlichen Untergründen
  • Gewichtsverlagerungen
  • Gleichgewichtsübungen
  • Koordinationsübungen
  • funktionelles Gangtraining
 

Krafttraining

Eine gute Muskelkraft verbessert die Stabilität beim Gehen erheblich.
Besonders wichtig sind:
  • Sprunggelenksmuskulatur
  • Knie- und Hüftmuskulatur
  • Rumpfstabilität
Mehrere Studien zeigen, dass Krafttraining das Gleichgewicht und die Mobilität bei Polyneuropathie positiv beeinflussen kann.
 

Vestibuläre Rehabilitation

Besteht zusätzlich eine vestibuläre Funktionsstörung, kann eine gezielte vestibuläre Rehabilitation sinnvoll sein.
Je nach Befund umfasst sie:
  • Blickstabilisationsübungen
  • Gleichgewichtstraining
  • Training der sensorischen Integration
  • Gangtraining
  • funktionelle Alltagsübungen
  • Sturzprävention
Gerade das Training der sensorischen Integration spielt bei Polyneuropathie eine zentrale Rolle.
Das Ziel besteht darin, die verbleibenden Sinnesinformationen möglichst effizient zu nutzen und die Kompensationsfähigkeit des Gehirns zu verbessern.
 

Bewegung ist die beste Sturzprophylaxe

Viele Menschen entwickeln nach einem Sturz verständlicherweise Angst vor Bewegung.
Kurzfristig erscheint Schonung sinnvoll.
Langfristig führt sie jedoch häufig zu:
  • Muskelabbau,
  • noch schlechterem Gleichgewicht,
  • geringerer Mobilität,
  • weiter steigendem Sturzrisiko.
Deshalb gehört regelmäßige körperliche Aktivität zu den wichtigsten Bestandteilen der Behandlung.
 

Merkkasten

Polyneuropathie und Schwindel haben häufig mehrere Ursachen.
Neben der Nervenschädigung können auch vestibuläre Erkrankungen, Sehprobleme oder altersbedingte Veränderungen das Gleichgewicht beeinträchtigen.
Je genauer die Ursache erkannt wird, desto gezielter kann behandelt werden.
 

Was können Betroffene selbst tun?

Viele Menschen mit einer Polyneuropathie fragen sich:
„Kann ich selbst etwas tun, damit ich sicherer gehe?”
Die Antwort lautet ganz klar:
Ja.
Auch wenn sich geschädigte Nerven nicht immer vollständig regenerieren, kann das Gehirn lernen, die noch vorhandenen Informationen besser zu nutzen.
Dieses Prinzip nennt man Neuroplastizität.
Genau darauf bauen moderne Trainingsprogramme auf.
 
1. Bewegung statt Schonung
Viele Betroffene entwickeln nach einem Sturz Angst vor Bewegung.
Das ist verständlich.
Leider führt Schonung langfristig häufig dazu, dass
  • die Muskulatur abbaut,
  • das Gleichgewicht schlechter wird,
  • das Vertrauen in den eigenen Körper sinkt,
  • das Sturzrisiko weiter zunimmt.
Deshalb gehört regelmäßige Bewegung zu den wichtigsten Bestandteilen der Behandlung.
Schon tägliche Spaziergänge, Gleichgewichtsübungen oder ein gezieltes Krafttraining können einen großen Unterschied machen.
 
2. Das Gleichgewicht regelmäßig trainieren
Unser Gehirn lernt durch Wiederholung.
Je häufiger Gleichgewichtssituationen sicher trainiert werden, desto besser kann das Gehirn die verbleibenden Sinnesinformationen nutzen.
Geeignet sind beispielsweise:
  • Gewichtsverlagerungen
  • Tandemstand
  • Einbeinstand (wenn sicher möglich)
  • Gehen auf unterschiedlichen Untergründen
  • Richtungswechsel
  • Blickstabilisationsübungen bei zusätzlicher vestibulärer Störung
Dabei sollte das Training immer individuell angepasst werden.
 
3. Für gute Lichtverhältnisse sorgen
Da Menschen mit Polyneuropathie stark auf ihre Augen angewiesen sind, spielt eine gute Beleuchtung eine entscheidende Rolle.
Besonders wichtig sind:
  • Nachtlichter im Schlafzimmer
  • Beleuchtung auf dem Weg zur Toilette
  • gut ausgeleuchtete Treppen
  • kontrastreiche Stufenmarkierungen
Schon einfache Veränderungen können das Sturzrisiko deutlich reduzieren.
 
4. Geeignetes Schuhwerk tragen
Die Füße liefern zwar weniger Informationen, dennoch spielt geeignetes Schuhwerk eine wichtige Rolle.
Empfehlenswert sind:
  • feste Schuhe
  • rutschfeste Sohlen
  • guter Fersenhalt
  • ausreichend Platz im Vorfußbereich
Barfußlaufen sollte individuell beurteilt werden und ist nicht für jeden Patienten geeignet.
 
5. Hilfsmittel als Unterstützung verstehen
Ein Gehstock oder Rollator bedeutet keinen Rückschritt.
Im Gegenteil.
Hilfsmittel können:
  • Sicherheit erhöhen,
  • Stürze verhindern,
  • Selbstständigkeit erhalten,
  • längere Gehstrecken ermöglichen.
Entscheidend ist, dass sie richtig angepasst werden.

 

Wann sollte Schwindel ärztlich abgeklärt werden?

Nicht jede Unsicherheit entsteht ausschließlich durch die Polyneuropathie.
Eine ärztliche Abklärung ist besonders wichtig, wenn
  • plötzlich Drehschwindel auftritt,
  • Doppelbilder entstehen,
  • Sprachstörungen auftreten,
  • starke Kopfschmerzen hinzukommen,
  • Bewusstlosigkeit auftritt,
  • Hörverlust besteht,
  • die Beschwerden rasch zunehmen.
In diesen Fällen können andere neurologische oder internistische Erkrankungen vorliegen.
 

Unser Fazit

Polyneuropathie beeinträchtigt nicht nur die Empfindung in den Füßen.
Sie verändert auch die Art und Weise, wie unser Gehirn Gleichgewichtsinformationen verarbeitet.
Dadurch entsteht häufig kein klassischer Drehschwindel, sondern vielmehr eine Unsicherheit beim Stehen und Gehen.
Gerade im Dunkeln oder auf unebenem Untergrund wird dieses Problem besonders deutlich.

Die gute Nachricht lautet:
Durch gezieltes Training, eine sorgfältige Diagnostik und individuell angepasste Therapien lässt sich die Sicherheit im Alltag häufig deutlich verbessern.
Besonders wichtig ist dabei der Blick auf alle drei Gleichgewichtssysteme.
Nicht selten liegen neben der Polyneuropathie weitere behandelbare Ursachen für Schwindel oder Unsicherheit vor.
 
 
Autor: Tom Hanf
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken