Wann ist die Injektion ins Mittelohr sinnvoll?
Wenn Medikamente nicht mehr helfen
Für viele Menschen mit Morbus Menière beginnt eine Schwindelattacke völlig unerwartet. Innerhalb weniger Sekunden scheint sich die gesamte Umgebung zu drehen. Hinzu kommen Übelkeit, Erbrechen, Ohrgeräusche und eine oft fluktuierende Hörminderung. Die Anfälle können Minuten bis mehrere Stunden andauern und führen nicht selten dazu, dass Betroffene ihren Alltag, ihren Beruf oder sogar soziale Aktivitäten stark einschränken.
Bei den meisten Patienten lassen sich die Beschwerden zunächst konservativ behandeln. Dazu gehören unter anderem Lebensstilmaßnahmen, eine salzarme Ernährung, Betahistin oder – je nach individuellem Krankheitsbild – weitere medikamentöse Therapien. Trotz dieser Maßnahmen leiden jedoch einige Patienten weiterhin unter schweren, wiederkehrenden Schwindelattacken.
In diesen Fällen kommen sogenannte intratympanale Therapien in Betracht. Dabei wird ein Medikament direkt durch das Trommelfell in das Mittelohr injiziert. Von dort gelangt es über das runde Fenster in das Innenohr.
Neben Kortisonpräparaten wird hierbei seit vielen Jahren auch Gentamicin eingesetzt.
Die Gentamicin-Therapie gehört heute zu den wirksamsten nicht-operativen Verfahren zur Kontrolle schwerer Schwindelattacken bei Morbus Menière. Gleichzeitig handelt es sich jedoch um eine Behandlung, die sorgfältig geplant werden muss, da sie neben dem Gleichgewichtsorgan auch das Hörorgan schädigen kann.
Gerade deshalb stellt sich für viele Patienten die gleiche Frage:
Kann Gentamicin den Schwindel stoppen, ohne das Gehör dauerhaft zu gefährden?
Was ist Gentamicin überhaupt?
Gentamicin gehört zur Gruppe der Aminoglykosid-Antibiotika und wird seit vielen Jahrzehnten zur Behandlung bakterieller Infektionen eingesetzt. Bereits früh fiel jedoch auf, dass Gentamicin eine besondere Nebenwirkung besitzt: Es kann die Haarzellen des Innenohres schädigen. Während diese Eigenschaft bei einer Antibiotikatherapie unerwünscht ist, nutzt man sie beim Morbus Menière gezielt therapeutisch.
Das Ziel besteht nicht darin, Bakterien zu bekämpfen, sondern die krankhaft überaktiven Signale des betroffenen Gleichgewichtsorgans zu reduzieren.
Man spricht deshalb auch von einer chemischen Vestibularablation.
Dabei soll das Gleichgewichtsorgan nicht vollständig zerstört werden. Moderne Behandlungskonzepte verfolgen vielmehr das Ziel, die vestibuläre Funktion nur so weit zu reduzieren, dass die Schwindelattacken verschwinden und gleichzeitig möglichst viel Hörvermögen erhalten bleibt.
Genau deshalb unterscheiden sich die heutigen Therapieschemata deutlich von den Behandlungsstrategien früherer Jahrzehnte.
Wie gelangt Gentamicin ins Innenohr?
Im Gegensatz zu Tabletten oder Infusionen wird Gentamicin beim Morbus Menière direkt in das Mittelohr eingebracht.
Die Behandlung erfolgt ambulant. Nach einer örtlichen Betäubung des Trommelfells injiziert der HNO-Arzt eine kleine Menge Gentamicin durch das Trommelfell in die Paukenhöhle. Der Patient bleibt anschließend meist etwa 20 bis 30 Minuten ruhig liegen, damit sich das Medikament möglichst gut im Bereich des runden Fensters verteilen kann.
Von dort diffundiert Gentamicin durch die Membran des runden Fensters in das Innenohr. Dort erreicht es die Endolymphe und schließlich die vestibulären Haarzellen der Bogengänge sowie der Makulaorgane.
Die Cochlea liegt anatomisch unmittelbar daneben. Deshalb kann Gentamicin – je nach Dosierung und individueller Empfindlichkeit – neben dem Gleichgewichtsorgan auch das Hörorgan schädigen. Genau diese mögliche Cochleatoxizität erklärt, warum die Behandlung sorgfältig dosiert und engmaschig kontrolliert werden muss.
Infografik: Der Weg des Gentamicins – von der Injektion bis zur Wirkung im Innenohr
Wie wirkt Gentamicin?
Das Gleichgewichtsorgan sendet kontinuierlich Informationen über Kopfbewegungen an das Gehirn.
Beim Morbus Menière entstehen während der Schwindelattacken fehlerhafte Signale aus dem betroffenen Innenohr. Das Gehirn erhält dadurch widersprüchliche Informationen von beiden Gleichgewichtsorganen.
Die Folge ist der typische heftige Drehschwindel.
Gentamicin wird bevorzugt von vestibulären Haarzellen aufgenommen.
Dadurch nimmt die Aktivität des erkrankten Gleichgewichtsorgans allmählich ab.
Das Gehirn erhält weniger fehlerhafte Signale und kann die Informationen des gesunden Ohres zunehmend besser nutzen.
Mit der Zeit beginnt ein Prozess, der als zentrale vestibuläre Kompensation bezeichnet wird.
Dabei lernt das Gehirn, den Funktionsverlust des behandelten Gleichgewichtsorgans auszugleichen. Visuelle Informationen, die Tiefensensibilität sowie die Signale des gesunden Innenohres werden stärker gewichtet.
Dieser Anpassungsprozess ist entscheidend für den langfristigen Behandlungserfolg.
Er erklärt auch, warum viele Patienten nach der Injektion zunächst einige Tage oder Wochen eine gewisse Unsicherheit verspüren können, bevor sich das Gleichgewicht deutlich stabilisiert.
Eine gezielte vestibuläre Rehabilitation kann diesen Lernprozess zusätzlich unterstützen.
Infografik: Wie das Gehirn nach der Ausschaltung des Gleichgewichtsorgans kompensiert
Warum wird Gentamicin heute deutlich vorsichtiger dosiert?
Früher wurde Gentamicin häufig mehrfach hintereinander injiziert, um das Gleichgewichtsorgan möglichst vollständig auszuschalten.
Zwar führte dieses Vorgehen häufig zu einer guten Kontrolle der Schwindelattacken, gleichzeitig stieg jedoch auch das Risiko einer bleibenden Hörverschlechterung erheblich.
Heute verfolgen die meisten Zentren deshalb eine andere Strategie.
Ziel ist eine möglichst geringe Gentamicin-Dosis mit einer individuell angepassten Anzahl an Injektionen.
Dieses sogenannte Low-Dose- oder titrierte Behandlungsschema soll eine ausreichende Schwindelkontrolle erreichen und gleichzeitig das Hörvermögen möglichst erhalten.
Nach jeder Injektion werden die Beschwerden, die Gleichgewichtsfunktion und das Hörvermögen erneut beurteilt.
Erst wenn weiterhin schwere Schwindelattacken auftreten, wird über eine weitere Behandlung entschieden.
Dieses vorsichtige Vorgehen hat wesentlich dazu beigetragen, das Risiko einer Hörverschlechterung gegenüber früheren Behandlungsprotokollen zu reduzieren.
Das Ziel der Behandlung
Die Gentamicin-Therapie verfolgt ein klares Ziel:
Nicht das Innenohr vollständig auszuschalten, sondern die krankhaft übersteigerte vestibuläre Aktivität so weit zu reduzieren, dass die Schwindelattacken möglichst verschwinden und gleichzeitig das Hörvermögen erhalten bleibt.
Ob dieses Gleichgewicht erreicht werden kann, hängt von vielen Faktoren ab – unter anderem vom Krankheitsstadium, der Dosierung, der individuellen Empfindlichkeit gegenüber Gentamicin und der Fähigkeit des Gehirns, den Funktionsverlust zu kompensieren.
Wie erfolgreich diese Strategie tatsächlich ist und welche Rolle Steroide als Alternative spielen, zeigen die aktuellen Studien und Metaanalysen.
Physiotherapeut und Vestibulartherapeut
Schwindelzentrum Saarbrücken