Können Tabletten die Ursache sein?

Welche Medikamente Schwindel auslösen – und warum nicht jede Schwindelart mit Medikamenten behandelt wird

Viele Menschen, die unter Schwindel leiden, stellen sich dieselbe Frage: „Kann mein Medikament die Ursache sein?”

Tatsächlich gehören Medikamente zu den häufigsten Auslösern von Schwindel – insbesondere bei älteren Menschen oder wenn mehrere Präparate gleichzeitig eingenommen werden.
Doch genauso häufig erleben wir in der Praxis das Gegenteil:
Patienten erhalten Medikamente gegen den Schwindel, obwohl diese die eigentliche Ursache gar nicht behandeln.
Gerade bei Erkrankungen des Gleichgewichtssystems ist es wichtig zu wissen:
Nicht jede Schwindelart lässt sich mit Tabletten behandeln.

Während Medikamente bei einigen Erkrankungen sinnvoll oder sogar unverzichtbar sind, spielen sie bei anderen kaum eine Rolle oder können den Heilungsverlauf sogar verzögern.

In diesem Beitrag erfahren Sie,
  • welche Medikamente selbst Schwindel auslösen können,
  • bei welchen Schwindelerkrankungen Medikamente sinnvoll sind,
  • wann sie nur kurzfristig eingesetzt werden sollten und
  • warum eine genaue Diagnose die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist.
 

Ein Beispiel aus unserer Praxis:

Ein 68-jähriger Patient stellte sich wegen seit mehreren Monaten bestehendem Schwankschwindel in unserem Schwindelzentrum vor.
Vor allem beim Aufstehen, längeren Spaziergängen und beim Einkaufen fühlte er sich zunehmend unsicher.
Im Laufe der vergangenen Monate waren bereits verschiedene Medikamente ausprobiert worden.
Unter anderem erhielt er mehrfach Dimenhydrinat (Vomex®) gegen den Schwindel.
Kurzzeitig besserten sich Übelkeit und Unwohlsein etwas.
Der Schwindel selbst blieb jedoch unverändert bestehen.
Bei der ausführlichen Anamnese zeigte sich, dass der Patient täglich acht verschiedene Medikamente einnahm – darunter zwei Blutdrucksenker sowie ein Schlafmittel für die Nacht.
Die vestibuläre Untersuchung ergab schließlich keine Hinweise auf einen Lagerungsschwindel oder eine akute Erkrankung des Gleichgewichtsorgans.
Vielmehr führten eine Kombination aus niedrigem Blutdruck, mehreren Medikamenten und einer altersbedingten Gleichgewichtsstörung zu den Beschwerden.

Erst nach einer gemeinsamen Überprüfung der Medikation mit dem Hausarzt und einem gezielten vestibulären Trainingsprogramm besserte sich der Schwindel deutlich.

Dieses Beispiel zeigt:
Nicht immer ist ein einzelnes Medikament die Ursache. Häufig entstehen Schwindelbeschwerden durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
 

Wie können Medikamente Schwindel verursachen?

Schwindel ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom.
Medikamente können dieses Symptom auf ganz unterschiedliche Weise auslösen.
Einige Präparate beeinflussen den Blutdruck und führen beim Aufstehen zu einer vorübergehenden Minderdurchblutung des Gehirns.
Andere wirken beruhigend auf das zentrale Nervensystem und verlangsamen die Verarbeitung von Gleichgewichtsinformationen.
Wieder andere können das Gleichgewichtsorgan im Innenohr direkt schädigen.

Deshalb ist es wichtig zu unterscheiden, warum ein Medikament Schwindel verursacht.

Grundsätzlich lassen sich drei Mechanismen unterscheiden:
1. Auswirkungen auf den Kreislauf
Vor allem Blutdrucksenker oder entwässernde Medikamente können dazu führen, dass der Blutdruck beim Aufstehen zu stark abfällt.
Die Folge sind Benommenheit, Unsicherheit oder Schwindel.
 
2. Wirkung auf das Gehirn
Schlafmittel, Beruhigungsmittel oder manche Antidepressiva beeinflussen das zentrale Nervensystem.
Dadurch können Reaktionsvermögen, Gleichgewicht und Aufmerksamkeit eingeschränkt werden.
 
3. Schädigung des Gleichgewichtsorgans
Einige Medikamente können das Innenohr direkt schädigen.
Fachleute sprechen dann von einer Ototoxizität.
Hierzu gehören unter anderem bestimmte Antibiotika (z. B. Gentamicin) oder einige Chemotherapeutika.
Diese Medikamente können in seltenen Fällen eine bleibende Schädigung des Gleichgewichtsorgans verursachen.
 

Typische Hinweise auf einen medikamentenbedingten Schwindel

Nicht jeder Schwindel wird durch Medikamente verursacht.
Es gibt jedoch einige Hinweise, die einen Zusammenhang vermuten lassen.
Dazu gehören:
  • Beginn der Beschwerden nach einer Neueinstellung oder Dosiserhöhung eines Medikaments
  • Schwindel kurz nach der Einnahme
  • Benommenheit statt klassischem Drehschwindel
  • Beschwerden vor allem beim Aufstehen
  • Unsicherheit beim Gehen
  • Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen
  • Einnahme mehrerer Medikamente gleichzeitig (Polypharmazie)
Gerade ältere Menschen sind besonders gefährdet, da sie häufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen und der Körper Arzneimittel langsamer abbaut.
 

Medikamente gegen Schwindel – helfen sie immer?

Viele Betroffene erwarten, dass Schwindel grundsätzlich mit Medikamenten behandelt werden kann.
Das ist jedoch ein weit verbreitetes Missverständnis.
Ob Medikamente sinnvoll sind, hängt vollständig von der Ursache des Schwindels ab.

Während sie bei einigen Erkrankungen hilfreich sein können, spielen sie bei anderen kaum eine Rolle oder können den Heilungsverlauf sogar verzögern.

Besonders wichtig ist dies beim gutartigen Lagerungsschwindel (BPLS).
Hier lösen kleine Kalziumkristalle im Gleichgewichtsorgan die Beschwerden aus.
Diese Kristalle lassen sich nicht durch Medikamente entfernen.
Die wirksamste Behandlung sind gezielte Lagerungsmanöver, beispielsweise das Epley- oder Semont-Manöver.
Vestibuläre Sedativa wie Dimenhydrinat (Vomex®) können allenfalls die Übelkeit lindern, beseitigen jedoch nicht die Ursache des Schwindels.
Bei einer längerfristigen Einnahme können sie die natürliche vestibuläre Kompensation sogar verzögern.
 

Welche Medikamente können Schwindel verursachen?

Nicht jedes Medikament führt zu Schwindel. Es gibt jedoch einige Arzneimittelgruppen, bei denen Schwindel zu den häufigsten Nebenwirkungen gehört.
Besonders betroffen sind ältere Menschen, da sie häufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen. Fachleute sprechen dann von einer Polypharmazie.

Je mehr Medikamente gleichzeitig verordnet werden, desto größer ist das Risiko für Wechselwirkungen, Blutdruckabfälle oder Beeinträchtigungen des Gleichgewichts.

Im Folgenden stellen wir die wichtigsten Medikamentengruppen vor.
 
1. Blutdrucksenker
Blutdrucksenkende Medikamente gehören zu den häufigsten Ursachen für medikamentenbedingten Schwindel.
Vor allem beim Aufstehen kann der Blutdruck vorübergehend zu stark absinken. Das Gehirn wird dann für kurze Zeit schlechter durchblutet.
Typische Beschwerden sind:
  • Benommenheit
  • Schwarzwerden vor den Augen
  • Unsicherheit beim Gehen
  • Schwindel beim Aufstehen
Besonders nach einer Neueinstellung oder Dosiserhöhung sollte überprüft werden, ob die Beschwerden mit der Medikation zusammenhängen.
 
2. Entwässerungsmittel (Diuretika)
Entwässernde Medikamente senken das Blutvolumen und können zusätzlich den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt beeinflussen.
Gerade bei hohen Temperaturen oder einer zu geringen Trinkmenge kann dies zu Schwindel führen.
Typische Beschwerden sind:
  • Kreislaufschwäche
  • Benommenheit
  • Unsicherheit
  • Schwindel beim Lagewechsel
3. Schlaf- und Beruhigungsmittel
Schlafmittel und Beruhigungsmittel beeinflussen das zentrale Nervensystem.
Sie können zwar kurzfristig hilfreich sein, führen jedoch häufig zu einer verlangsamten Reaktionsfähigkeit und einer verminderten Gleichgewichtskontrolle.
Vor allem bei älteren Menschen steigt dadurch das Risiko für Stürze deutlich an.
Typische Beschwerden:
  • Benommenheit
  • Gangunsicherheit
  • verlangsamte Reaktionen
  • erhöhte Sturzgefahr
4. Antidepressiva und Antiepileptika
Auch Medikamente zur Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder Epilepsien können insbesondere zu Beginn der Therapie Schwindel verursachen.
Die Beschwerden bessern sich häufig nach einigen Tagen oder Wochen, sobald sich der Körper an das Medikament gewöhnt hat.
Eine eigenständige Änderung oder das Absetzen der Medikation sollte jedoch niemals erfolgen.
 
5. Ototoxische Medikamente
Eine besondere Rolle spielen Medikamente, die das Innenohr direkt schädigen können.
Man spricht dabei von einer Ototoxizität.
Zu den bekanntesten Vertretern gehören:
  • Gentamicin und andere Aminoglykosid-Antibiotika
  • Cisplatin und andere bestimmte Chemotherapeutika
  • einige Schleifendiuretika (vor allem in hohen Dosierungen)
Diese Medikamente können die Haarzellen des Gleichgewichtsorgans dauerhaft schädigen.
Die Folge können sein:
  • anhaltender Schwankschwindel
  • Gangunsicherheit
  • Oszillopsien (verschwommenes Sehen bei Kopfbewegungen)
  • bilaterale vestibuläre Hypofunktion
Zum Glück treten solche Nebenwirkungen insgesamt selten auf und werden heute bei den meisten Behandlungen sorgfältig überwacht.
 

Medikamente gegen Schwindel – wann sind sie sinnvoll?

Viele Patienten erwarten, dass Schwindel grundsätzlich mit Medikamenten behandelt werden kann.
Tatsächlich hängt dies jedoch vollständig von der Ursache ab.
Während Medikamente bei einigen Erkrankungen ein wichtiger Bestandteil der Therapie sind, stehen bei anderen Erkrankungen Lagerungsmanöver oder vestibuläre Rehabilitation im Vordergrund.
Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Unterschiede.
 

Warum vestibuläre Sedativa nur kurzfristig eingesetzt werden sollten

Medikamente wie Dimenhydrinat (Vomex®) oder andere vestibuläre Sedativa können starke Übelkeit und akuten Drehschwindel wirksam lindern.
Gerade bei einer Neuritis vestibularis oder während eines akuten Morbus-Menière-Anfalls können sie in den ersten Tagen eine wichtige Unterstützung sein.
Für eine langfristige Behandlung sind sie jedoch nicht geeignet.
Der Grund:
Das Gehirn muss lernen, die veränderten Signale aus dem Gleichgewichtsorgan zu verarbeiten. Diesen Anpassungsprozess bezeichnet man als vestibuläre Kompensation.
Eine dauerhafte Einnahme vestibulärer Sedativa kann diesen natürlichen Lernprozess verlangsamen.
Deshalb empfehlen internationale Leitlinien, diese Medikamente möglichst nur kurzfristig in der Akutphaseeinzusetzen.

Wie erkennt man einen medikamentenbedingten Schwindel?

Nicht jeder Schwindel wird durch Medikamente verursacht.
Umgekehrt ist aber auch nicht jeder Schwindel Ausdruck einer Erkrankung des Gleichgewichtsorgans.

Deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik entscheidend.

Im ersten Schritt sollte immer geprüft werden:
  • Wann haben die Beschwerden begonnen?
  • Wurde kurz zuvor ein neues Medikament verordnet?
  • Hat sich die Dosierung verändert?
  • Werden mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen?
  • Treten die Beschwerden kurz nach der Einnahme oder vor allem beim Aufstehen auf?
Bereits diese Fragen liefern häufig wichtige Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang.

 

Warum eine Medikamentenliste so wichtig ist

Bringen Sie zu jedem Arzttermin eine aktuelle Liste aller Medikamente mit.
Dazu gehören nicht nur verschreibungspflichtige Arzneimittel, sondern auch:
  • frei verkäufliche Medikamente,
  • pflanzliche Präparate,
  • Nahrungsergänzungsmittel,
  • Tropfen und Bedarfsmedikamente.
Gerade Wechselwirkungen verschiedener Präparate können das Risiko für Schwindel deutlich erhöhen.

 

Welche Untersuchungen sind sinnvoll?

Besteht der Verdacht auf einen medikamentenbedingten Schwindel, reicht häufig ein Blick auf die Medikamentenliste allein nicht aus.
Je nach Beschwerden können zusätzlich notwendig sein:
  • Blutdruckmessung im Liegen und Stehen
  • neurologische Untersuchung
  • HNO-ärztliche Untersuchung
  • vestibuläre Funktionsdiagnostik
  • Gleichgewichts- und Gangtests
  • Überprüfung möglicher Medikamentenwechselwirkungen

Nicht selten zeigt sich dabei, dass mehrere Ursachen gleichzeitig vorliegen.

Ein älterer Mensch kann beispielsweise gleichzeitig unter einer Presbyvestibulopathie, einer Polyneuropathie und einem medikamentös bedingten Blutdruckabfall leiden.
Gerade deshalb sollte Schwindel immer ganzheitlich betrachtet werden.
 

Was sollten Betroffene tun?

Wenn Sie vermuten, dass Ihre Medikamente den Schwindel verursachen, gilt vor allem eines:
Setzen Sie Medikamente niemals eigenständig ab.
Sprechen Sie stattdessen mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder der behandelnden Fachärztin beziehungsweise dem Facharzt.

Oft reicht bereits eine kleine Anpassung der Dosierung, ein anderer Einnahmezeitpunkt oder der Wechsel auf ein besser verträgliches Präparat aus.

Zusätzlich können folgende Maßnahmen hilfreich sein:
  • ausreichend trinken,
  • langsam aufstehen,
  • Blutdruck regelmäßig kontrollieren,
  • regelmäßige Bewegung,
  • Kraft- und Gleichgewichtstraining,
  • vestibuläre Rehabilitation bei nachgewiesener Gleichgewichtsstörung.

Fazit

Medikamente gehören zu den häufigsten Ursachen für Schwindel – insbesondere im höheren Lebensalter und bei der gleichzeitigen Einnahme mehrerer Präparate.
Gleichzeitig gilt jedoch:
Nicht jeder Schwindel wird durch Medikamente verursacht.
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass nicht jede Schwindelerkrankung mit Medikamenten behandelt werden sollte.
Während beispielsweise beim Lagerungsschwindel gezielte Lagerungsmanöver die wirksamste Therapie darstellen und bei einer vestibulären Hypofunktion die vestibuläre Rehabilitation im Vordergrund steht, können Medikamente bei anderen Erkrankungen wie der vestibulären Migräne oder dem Morbus Menière sinnvoll sein.
Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist daher immer eine sorgfältige Diagnose.
Erst wenn die Ursache des Schwindels bekannt ist, lässt sich die passende Therapie auswählen.

Wissenschaftliche Quellen

• Hall CD, Herdman SJ, Whitney SL et al. Vestibular Rehabilitation Clinical Practice Guideline. Academy of Neurologic Physical Therapy (APTA), aktualisierte Leitlinie 2022.
• Strupp M, Brandt T. Current Treatment of Vestibular, Ocular Motor Disorders and Nystagmus. Deutsches Ärzteblatt.
• American Geriatrics Society. Updated AGS Beers Criteria® for Potentially Inappropriate Medication Use in Older Adults.
• World Falls Guidelines for Older Adults. 2022.
• Bárány Society. International Classification of Vestibular Disorders.
• Fachinformation Dimenhydrinat (Vomex®).
 
Autor: Tom Hanf
Schwindelzentrum Saarbrücken