Schwindel in der Schwangerschaft – Wann ist er normal und wann sollten Sie zum Arzt?
Schwindel gehört zu den häufigsten Beschwerden während einer Schwangerschaft. Schätzungen zufolge erlebt etwa jede zweite Schwangere im Verlauf der Schwangerschaft zumindest zeitweise Schwindel oder Benommenheit. Häufig steckt eine normale Anpassung des Körpers an die Schwangerschaft dahinter. In einigen Fällen können die Beschwerden jedoch auch auf andere Erkrankungen hinweisen, die ärztlich abgeklärt werden sollten.
In diesem Beitrag erfahren Sie, warum Schwindel in der Schwangerschaft entsteht, welche Ursachen in den einzelnen Schwangerschaftsphasen typisch sind, woran Sie Warnzeichen erkennen und was Sie selbst gegen die Beschwerden tun können.
Warum kommt Schwindel in der Schwangerschaft so häufig vor?
Während einer Schwangerschaft verändert sich der gesamte Organismus innerhalb weniger Wochen erheblich. Herz-Kreislauf-System, Hormone und Stoffwechsel müssen sich an die Versorgung des heranwachsenden Kindes anpassen. Gerade in dieser Anpassungsphase kann das Gleichgewichtssystem vorübergehend an seine Grenzen kommen.
Die häufigsten Ursachen sind:
- Erweiterung der Blutgefäße durch Schwangerschaftshormone
- vorübergehend niedriger Blutdruck
- Anstieg des Blutvolumens
- Veränderungen des Blutzuckerspiegels
- Flüssigkeitsmangel
- Eisenmangel
- später der Druck der Gebärmutter auf große Blutgefäße
Diese Veränderungen führen häufig dazu, dass das Gehirn kurzfristig weniger gut durchblutet wird. Die Folge sind Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen oder ein Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen handelt es sich um eine normale Reaktion des Körpers und nicht um eine Erkrankung des Gleichgewichtsorgans.
Schwindel im ersten Trimester – Warum gerade die ersten Wochen besonders häufig betroffen sind
Viele Frauen berichten bereits wenige Wochen nach Beginn der Schwangerschaft über Schwindel oder Benommenheit. Tatsächlich gehört Schwindel zu den häufigsten Beschwerden im ersten Trimester und ist in den meisten Fällen eine normale Reaktion des Körpers auf die hormonellen und körperlichen Veränderungen.
Bereits kurz nach der Einnistung beginnt der Körper damit, sich auf die Versorgung des ungeborenen Kindes einzustellen. Besonders die Schwangerschaftshormone Progesteron und hCG (humanes Choriongonadotropin) spielen dabei eine wichtige Rolle.
Progesteron erweitert die Blutgefäße
Progesteron sorgt dafür, dass sich die Blutgefäße entspannen und erweitern. Dadurch sinkt häufig der Blutdruck – insbesondere in den ersten Schwangerschaftswochen. Wenn das Gehirn beim Aufstehen oder längerem Stehen kurzfristig etwas weniger durchblutet wird, können typische Beschwerden auftreten:
- Benommenheit
- Schwarzwerden vor den Augen
- Unsicherheitsgefühl
- das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden
Vor allem ein rascher Lagewechsel – beispielsweise vom Liegen oder Sitzen zum Stehen – kann diese Beschwerden verstärken.
Übelkeit und Flüssigkeitsmangel verstärken den Schwindel
Viele Schwangere leiden im ersten Trimester zusätzlich unter Übelkeit oder Erbrechen. Dadurch nehmen sie häufig weniger Flüssigkeit und Nahrung zu sich als gewöhnlich. Ein Flüssigkeitsmangel oder ein niedriger Blutzuckerspiegel können den Kreislauf zusätzlich belasten und Schwindel verstärken.
Deshalb berichten viele Frauen, dass ihnen morgens, nach längeren Essenspausen oder an warmen Tagen besonders häufig schwindelig wird.
Das Herz arbeitet bereits auf Hochtouren
Obwohl der Bauch äußerlich oft noch kaum sichtbar ist, beginnt das Herz-Kreislauf-System schon früh mit seiner Anpassung. Herzfrequenz und Blutvolumen nehmen allmählich zu, um Mutter und Kind ausreichend zu versorgen. Bis sich der Kreislauf vollständig angepasst hat, können vorübergehend Schwindelbeschwerden auftreten.
Wann ist Schwindel im ersten Trimester normal?
Gelegentliche Benommenheit oder Kreislaufbeschwerden sind in der Frühschwangerschaft meist unbedenklich. Sie treten häufig beim schnellen Aufstehen, nach längerem Stehen oder bei unzureichender Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme auf und bessern sich nach kurzer Zeit wieder.
Anders sieht es aus, wenn zusätzlich Beschwerden wie starker Drehschwindel, anhaltende Ohnmachtsanfälle, Brustschmerzen, Herzrasen, Lähmungserscheinungen oder starke Kopfschmerzen auftreten. In diesen Fällen sollte die Ursache zeitnah ärztlich abgeklärt werden.
Schwindel im zweiten Trimester – Warum der Kreislauf jetzt besonders gefordert ist
Bei vielen Frauen bessern sich Übelkeit und Müdigkeit nach den ersten Schwangerschaftswochen deutlich. Dennoch berichten auch im zweiten Trimester viele Schwangere über Schwindel – allerdings aus anderen Gründen als zu Beginn der Schwangerschaft.
Zwischen der 13. und 27. Schwangerschaftswoche passt sich der Körper immer stärker an den steigenden Bedarf von Mutter und Kind an. Das Blutvolumen nimmt deutlich zu, das Herz pumpt mehr Blut pro Minute und die Blutgefäße bleiben weiterhin erweitert. Obwohl diese Veränderungen notwendig sind, können sie den Kreislauf vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringen.
Das Blutvolumen steigt – der Kreislauf muss sich anpassen
Bereits ab dem zweiten Trimester nimmt das Blutvolumen kontinuierlich zu und erreicht gegen Ende der Schwangerschaft etwa 40–50 % mehr als vor der Schwangerschaft. Dadurch können Gebärmutter, Plazenta und das heranwachsende Kind ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden.
Gleichzeitig muss das Herz deutlich mehr leisten. Es schlägt schneller und befördert mehr Blut durch den Körper. Bis sich diese Veränderungen vollständig angepasst haben, können Schwindel, Müdigkeit oder Leistungsschwäche auftreten.
Warum wird vielen Schwangeren beim Aufstehen schwindelig?
Eine der häufigsten Ursachen ist die sogenannte orthostatische Hypotonie.
Beim schnellen Aufstehen versackt ein Teil des Blutes kurzfristig in den Beinen. Normalerweise reagieren die Blutgefäße innerhalb weniger Sekunden und transportieren das Blut wieder zum Herzen und Gehirn zurück.
Während der Schwangerschaft sind die Blutgefäße jedoch durch hormonelle Einflüsse weiter gestellt und reagieren etwas langsamer. Dadurch kann das Gehirn für kurze Zeit weniger gut durchblutet werden.
Typische Beschwerden sind:
- Schwarzwerden vor den Augen
- Benommenheit
- Unsicherheit
- Flimmern vor den Augen
- das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden
Die Beschwerden dauern meist nur wenige Sekunden und verschwinden wieder, sobald sich der Kreislauf stabilisiert hat.
Langes Stehen kann den Schwindel verstärken
Viele Schwangere bemerken ihre Beschwerden besonders beim längeren Stehen – beispielsweise beim Einkaufen, in Warteschlangen oder beim Kochen.
Der Grund: Durch die Schwerkraft sammelt sich mehr Blut in den Beinvenen. Dadurch gelangt kurzfristig weniger Blut zurück zum Herzen. Das Herz kann entsprechend weniger Blut in Richtung Gehirn pumpen, wodurch Benommenheit oder Schwindel entstehen können.
Regelmäßige Bewegung der Wadenmuskulatur wirkt hier wie eine natürliche Muskelpumpe und unterstützt den Rücktransport des Blutes.
Auch Wärme spielt eine Rolle
Warme Sommertage, heiße Duschen oder überheizte Räume können Schwindel zusätzlich begünstigen.
Durch Wärme erweitern sich die Blutgefäße noch stärker. Dadurch sinkt der Blutdruck weiter ab und der Kreislauf wird zusätzlich belastet.
Viele Schwangere berichten deshalb besonders an heißen Tagen über Schwindel oder Kreislaufprobleme.
Bewegung hilft dem Kreislauf
Moderate körperliche Aktivität ist in einer unkomplizierten Schwangerschaft nicht nur erlaubt, sondern häufig sogar hilfreich.
Regelmäßiges Gehen, Schwimmen, Radfahren auf dem Ergometer oder Schwangerschaftsgymnastik fördern die Durchblutung, verbessern die Kreislaufregulation und können Schwindelbeschwerden reduzieren.
Wichtig ist jedoch, die Belastung individuell anzupassen und bei Unsicherheit Rücksprache mit der betreuenden Frauenärztin oder dem Frauenarzt zu halten.
Schwindel im dritten Trimester – Wenn das Baby den Kreislauf beeinflusst
Im dritten Trimester verändert sich der Körper erneut deutlich. Die Gebärmutter hat inzwischen erheblich an Größe zugenommen und übt zunehmend Druck auf die umliegenden Organe und Blutgefäße aus. Dadurch können Schwindelbeschwerden auftreten, die sich von denen in den ersten beiden Schwangerschaftsdritteln unterscheiden.
Viele Frauen bemerken den Schwindel jetzt vor allem beim Liegen auf dem Rücken, nach längerem Stehen oder bei körperlicher Belastung.
Die große Hohlvene kann vorübergehend abgedrückt werden
Eine der häufigsten Ursachen ist das sogenannte Vena-cava-Kompressionssyndrom (auch Vena-cava-Syndrom genannt).
Die untere Hohlvene (Vena cava inferior) transportiert das Blut aus den Beinen und dem Becken zurück zum Herzen. Im dritten Trimester kann die vergrößerte Gebärmutter diese Vene – insbesondere in Rückenlage – teilweise zusammendrücken.
Dadurch gelangt kurzfristig weniger Blut zum Herzen. In der Folge wird auch das Gehirn für kurze Zeit schlechter durchblutet, was zu Schwindel oder Kreislaufbeschwerden führen kann.
Typische Beschwerden
Das Vena-cava-Kompressionssyndrom tritt meist nach der 24.–28. Schwangerschaftswoche auf und äußert sich häufig durch:
- Benommenheit
- Schwindel
- Schwarzwerden vor den Augen
- Übelkeit
- Kaltschweißigkeit
- Herzrasen
- Blässe
- das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden
Die Beschwerden bessern sich oft innerhalb weniger Sekunden, sobald die Schwangere ihre Position verändert – beispielsweise durch eine Drehung auf die linke Körperseite.
Warum die linke Seitenlage empfohlen wird
In der medizinischen Betreuung wird Schwangeren im letzten Schwangerschaftsdrittel häufig empfohlen, längeres Liegen auf dem Rücken zu vermeiden.
Die linke Seitenlage entlastet die untere Hohlvene und verbessert den Rückfluss des Blutes zum Herzen. Dadurch stabilisiert sich meist auch die Durchblutung des Gehirns, und die Beschwerden lassen nach.
Deshalb berichten viele Schwangere, dass der Schwindel unmittelbar verschwindet, sobald sie sich auf die linke Seite drehen.
Nicht jeder Schwindel ist durch die Schwangerschaft bedingt
Auch im dritten Trimester gilt: Nicht jede Schwindelbeschwerde lässt sich allein durch die Schwangerschaft erklären.
Insbesondere ein echter Drehschwindel, anhaltender Schwankschwindel oder Schwindel in Verbindung mit Hörminderung, Ohrgeräuschen oder neurologischen Symptomen sollte ärztlich abgeklärt werden. Dahinter können – unabhängig von der Schwangerschaft – Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans oder des Nervensystems stehen.
Wann sollte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden?
Treten zusätzlich zu den Schwindelbeschwerden eines oder mehrere der folgenden Symptome auf, sollte unverzüglich eine ärztliche Untersuchung erfolgen:
- starke oder anhaltende Kopfschmerzen
- Sehstörungen
- Sprachstörungen
- Lähmungserscheinungen
- Brustschmerzen oder Atemnot
- starke Bauchschmerzen
- vaginale Blutungen
- wiederholte Ohnmachtsanfälle
- verminderte Kindsbewegungen
Diese Beschwerden können auf ernsthafte Erkrankungen hinweisen und sollten nicht als normale Schwangerschaftsbeschwerden angesehen werden.
Nicht jeder Schwindel in der Schwangerschaft ist harmlos
Auch wenn Schwindel während der Schwangerschaft häufig durch Kreislaufveränderungen verursacht wird, sollte nicht jede Form des Schwindels automatisch auf die Schwangerschaft zurückgeführt werden.
Ein wichtiger erster Schritt besteht darin, die Art des Schwindels möglichst genau zu beschreiben. Denn Benommenheit, Schwankschwindel und Drehschwindel haben häufig unterschiedliche Ursachen.
Gerade ein echter Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung scheinbar dreht oder rotiert, ist keine typische Schwangerschaftsbeschwerde. In diesen Fällen sollte immer nach einer anderen Ursache gesucht werden.
Lagerungsschwindel (BPLS)
Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) ist die häufigste Ursache für echten Drehschwindel. Er entsteht durch kleine Kalziumkristalle (Otolithen), die in einen Bogengang des Gleichgewichtsorgans gelangen.
Typisch sind:
- plötzlich einsetzender Drehschwindel
- Auslösung beim Umdrehen im Bett
- Schwindel beim Hinlegen oder Aufsetzen
- Beschwerden beim Nach-oben-Schauen oder Bücken
- Dauer meist weniger als eine Minute
Eine Schwangerschaft verursacht zwar keinen Lagerungsschwindel, er kann jedoch – wie bei jedem anderen Menschen – auch während der Schwangerschaft auftreten.
Die gute Nachricht: Mit speziellen Lagerungsmanövern lässt sich ein BPLS in den meisten Fällen rasch und effektiv behandeln. Dabei müssen die Übungen gegebenenfalls an das Schwangerschaftsstadium angepasst werden.
Vestibuläre Migräne
Frauen sind deutlich häufiger von Migräne betroffen als Männer. Durch hormonelle Veränderungen kann sich eine bereits bestehende Migräne während der Schwangerschaft verändern.
Nicht immer stehen Kopfschmerzen im Vordergrund. Viele Betroffene leiden stattdessen unter:
- wiederkehrenden Schwindelattacken
- Unsicherheitsgefühl
- Licht- oder Geräuschempfindlichkeit
- Übelkeit
- Gleichgewichtsstörungen
Die Beschwerden dauern häufig mehrere Stunden bis Tage und können zwischen den Attacken vollständig verschwinden.
Morbus Menière
Auch ein Morbus Menière kann während einer Schwangerschaft auftreten oder sich vorübergehend verändern.
Typisch sind:
- anfallsartiger Drehschwindel (20 min – 12h)
- Hörminderung
- Ohrgeräusche (Tinnitus)
- Druckgefühl im Ohr
Treten diese Beschwerden gemeinsam auf, sollte zeitnah eine HNO-ärztliche Untersuchung erfolgen.
Akute Neuritis vestibularis
Eine Vestibularisneuritis ist eine plötzlich auftretende Funktionsstörung eines Gleichgewichtsnerven.
Typisch sind:
- starker anhaltender Drehschwindel (bis zu 3 Tagen)
- Übelkeit und Erbrechen
- deutliche Gangunsicherheit
- keine Hörminderung
Eine akute Vestibularisneuritis ist ein medizinischer Notfall und sollte umgehend ärztlich abgeklärt werden.
Kreislauf ist nicht die einzige Ursache
Neben Erkrankungen des Gleichgewichtssystems kommen auch andere Ursachen infrage, beispielsweise:
- Eisenmangel oder Blutarmut (Anämie)
- Herzrhythmusstörungen
- Schilddrüsenerkrankungen
- Flüssigkeitsmangel
- Unterzuckerung
- orthostatische Hypotonie
- POTS (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom)
- Angst- und Panikstörungen
Deshalb ist eine sorgfältige Anamnese entscheidend. Sie hilft dabei, die Schwindelart einzuordnen und die weitere Diagnostik gezielt zu planen.
Was hilft gegen Schwindel in der Schwangerschaft?
In den meisten Fällen lässt sich Schwindel während der Schwangerschaft durch einfache Maßnahmen deutlich reduzieren. Entscheidend ist jedoch, dass die Ursache bekannt ist. Während kreislaufbedingter Schwindel häufig gut auf Veränderungen im Alltag anspricht, benötigen andere Schwindelursachen – beispielsweise ein Lagerungsschwindel oder eine vestibuläre Migräne – eine gezielte medizinische Behandlung.
Die folgenden Maßnahmen können insbesondere bei kreislaufbedingtem Schwindel hilfreich sein.
1. Ausreichend trinken
Während der Schwangerschaft steigt der Flüssigkeitsbedarf deutlich an. Bereits ein leichter Flüssigkeitsmangel kann den Blutdruck senken und Schwindel verstärken.
Achten Sie darauf, regelmäßig über den Tag verteilt zu trinken. Besonders an warmen Tagen oder nach körperlicher Aktivität benötigt der Körper häufig zusätzliche Flüssigkeit.
2. Regelmäßig kleine Mahlzeiten essen
Längere Essenspausen können zu einem Abfall des Blutzuckerspiegels führen. Dadurch fühlen sich viele Schwangere benommen oder zittrig.
Mehrere kleinere Mahlzeiten über den Tag verteilt helfen häufig dabei, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Kreislaufbeschwerden vorzubeugen.
3. Langsam aufstehen
Nach längerem Sitzen oder Liegen sollte das Aufstehen nicht hastig erfolgen.
Setzen Sie sich zunächst an die Bettkante oder auf einen Stuhl, bewegen Sie die Beine einige Sekunden und stehen Sie anschließend langsam auf. So erhält der Kreislauf ausreichend Zeit, sich an den Lagewechsel anzupassen.
4. Längeres Stehen vermeiden
Beim langen Stehen sammelt sich mehr Blut in den Beinvenen. Dadurch gelangt kurzfristig weniger Blut zurück zum Herzen und in Richtung Gehirn.
Wenn längeres Stehen unvermeidbar ist, helfen bereits kleine Bewegungen:
- auf der Stelle gehen
- die Waden anspannen
- mehrfach auf die Zehenspitzen stellen
- das Gewicht zwischen beiden Beinen verlagern
Die Wadenmuskulatur wirkt dabei wie eine natürliche Muskelpumpe und unterstützt den venösen Rückstrom.
5. Im letzten Trimester möglichst auf der linken Seite liegen
Ab dem dritten Schwangerschaftsdrittel kann die vergrößerte Gebärmutter in Rückenlage die untere Hohlvene zusammendrücken.
Die linke Seitenlage verbessert den Rückfluss des Blutes zum Herzen und entlastet dadurch den Kreislauf. Viele Schwangere bemerken, dass Schwindel und Übelkeit nach einem Positionswechsel rasch nachlassen.
6. Regelmäßige Bewegung
Sofern aus ärztlicher Sicht nichts dagegen spricht, wirkt sich regelmäßige Bewegung positiv auf den Kreislauf aus.
Geeignet sind beispielsweise:
- Spaziergänge
- Schwimmen
- Schwangerschaftsgymnastik
- moderates Radfahren auf dem Ergometer
Regelmäßige Bewegung verbessert die Durchblutung, stärkt die Muskelpumpe der Beine und kann Kreislaufbeschwerden vorbeugen.
7. Hitze möglichst vermeiden
Hohe Außentemperaturen, heiße Duschen oder überhitzte Räume erweitern die Blutgefäße zusätzlich. Dadurch kann der Blutdruck weiter absinken und Schwindel verstärken.
Gerade an warmen Sommertagen helfen leichte Kleidung, ausreichend Flüssigkeit sowie regelmäßige Pausen im Schatten oder in kühlen Räumen.
8. Eisenmangel ausschließen
Während der Schwangerschaft steigt der Eisenbedarf deutlich an. Ein Eisenmangel kann zu einer Blutarmut (Anämie) führen und Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsschwäche, Herzklopfen und Schwindel verursachen.
Besteht der Verdacht auf einen Eisenmangel, sollte dies ärztlich durch eine Blutuntersuchung abgeklärt werden. Eisenpräparate sollten nicht ohne ärztliche Empfehlung eingenommen werden.
9. Die Ursache des Schwindels abklären lassen
Nicht jede Schwindelform lässt sich durch mehr Trinken oder langsames Aufstehen verbessern.
Insbesondere bei:
- echtem Drehschwindel,
- wiederkehrenden Schwindelattacken,
- Hörminderung oder Ohrgeräuschen,
- neurologischen Begleitsymptomen oder
- anhaltenden Beschwerden
ist eine gezielte ärztliche Untersuchung sinnvoll. Je genauer die Ursache bekannt ist, desto gezielter kann die Behandlung erfolgen.
Fazit
Schwindel gehört zu den häufigsten Beschwerden während einer Schwangerschaft und ist in den meisten Fällen eine normale Folge der hormonellen und körperlichen Veränderungen. Niedriger Blutdruck, Kreislaufanpassungen oder die zunehmende Belastung des Herz-Kreislauf-Systems können insbesondere beim Aufstehen, längerem Stehen oder im letzten Schwangerschaftsdrittel zu Benommenheit und Kreislaufbeschwerden führen.
Dennoch gilt: Nicht jeder Schwindel ist eine normale Schwangerschaftsbeschwerde. Insbesondere ein echter Drehschwindel, wiederkehrende Schwindelattacken, Hörminderungen oder neurologische Begleitsymptome sollten immer ärztlich abgeklärt werden. Die Art des Schwindels liefert häufig bereits entscheidende Hinweise auf die zugrunde liegende Ursache und ermöglicht eine gezielte Diagnostik und Behandlung.
In unserem Schwindelzentrum erleben wir immer wieder, dass Schwindel während der Schwangerschaft vorschnell als „normal“ eingestuft wird. Dabei steckt nicht selten eine behandelbare Ursache wie ein Lagerungsschwindel oder eine vestibuläre Migräne dahinter. Eine sorgfältige Anamnese und eine strukturierte Untersuchung helfen dabei, harmlose Kreislaufbeschwerden von behandlungsbedürftigen Erkrankungen zu unterscheiden.
Unser Rat: Nehmen Sie Schwindel in der Schwangerschaft ernst – aber geraten Sie nicht vorschnell in Sorge. In den meisten Fällen ist die Ursache harmlos. Halten die Beschwerden jedoch an, treten sie wiederholt auf oder kommen weitere Symptome hinzu, sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Quellen
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). S2k-Leitlinie: Betreuung von Schwangeren mit internistischen Erkrankungen. AWMF.
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Mutterschaftsvorsorge. AWMF-Leitlinien.
- American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG). Practice Bulletins und Committee Opinions zu Kreislaufveränderungen und Betreuung in der Schwangerschaft.
- Royal College of Obstetricians and Gynaecologists. Empfehlungen zur Betreuung schwangerer Patientinnen.
Schwindel und vestibuläre Erkrankungen
- Bárány Society. Internationale Konsensuskriterien zu vestibulären Erkrankungen.
- American Academy of Otolaryngology–Head and Neck Surgery. Clinical Practice Guideline: Benign Paroxysmal Positional Vertigo (Update). Otolaryngology–Head and Neck Surgery. 2017.
- Thomas Brandt, Marianne Dieterich, Michael Strupp. Vertigo and Dizziness – Common Complaints. Springer.
- Michael Strupp, Kim JS, Murofushi T, et al. The Bárány Society diagnostic criteria for vestibular disorders.
Physiologie der Schwangerschaft
- Cunningham FG et al. Williams Obstetrics. 26th Edition.
- Gabbe SG et al. Obstetrics: Normal and Problem Pregnancies.
- Hall JE. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. Kapitel zu Herz-Kreislauf-Anpassungen in der Schwangerschaft.
Patienteninformationen
- National Health Service (NHS). Informationen zu Schwindel in der Schwangerschaft.
- Mayo Clinic. Informationen zu Kreislaufveränderungen während der Schwangerschaft.
Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken