Spontannystagmus – was uns die Augen über das Gleichgewichtssystem verraten
Die Augen können bei Schwindel wichtige Hinweise darauf geben, was gerade im Gleichgewichtssystem passiert. Eine der auffälligsten Veränderungen ist der sogenannte Spontannystagmus – eine rhythmische Augenbewegung, die ohne gezielte Provokation auftreten kann.
Besonders bei akuten vestibulären Erkrankungen kann der Spontannystagmus ein wichtiger klinischer Befund sein. Er kann beispielsweise bei einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung, während einer Morbus-Menière-Attacke oder auch bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems auftreten.
Dabei ist nicht nur entscheidend, ob ein Nystagmus vorhanden ist. Auch seine Richtung, Stärke, Veränderung bei unterschiedlicher Blickrichtung und sein Verhalten mit oder ohne visuelle Fixation liefern wichtige Informationen.
Was ist ein Spontannystagmus?
Als Nystagmus bezeichnet man unwillkürliche, rhythmische Augenbewegungen. Bei einem typischen vestibulären Spontannystagmus wechseln sich zwei unterschiedliche Bewegungen ab:
1. Langsame Phase
Die Augen bewegen sich langsam in eine Richtung.
2. Schnelle Phase
Anschließend erfolgt eine schnelle Rückstellbewegung in die entgegengesetzte Richtung.
Obwohl die langsame Phase für das Verständnis des vestibulären Mechanismus besonders wichtig ist, wird die Richtung des Nystagmus nach seiner schnellen Phase benannt. Bewegen sich die Augen beispielsweise langsam nach links und anschließend schnell nach rechts zurück, sprechen wir von einem:
→ rechts schlagenden Nystagmus.
Das ist wichtig, weil die Begriffe „rechts schlagend“ oder „links schlagend“ zunächst nur die Richtung der schnellen Augenbewegung beschreiben. Daraus allein lässt sich noch nicht sicher ableiten, auf welcher Seite die Ursache der Erkrankung liegt.
Warum bewegen sich die Augen überhaupt?
Das Gleichgewichtssystem und die Augen sind über den vestibulo-okulären Reflex (VOR) eng miteinander verbunden. Bei einer normalen Kopfbewegung registrieren die Gleichgewichtsorgane die Bewegung und lösen innerhalb kürzester Zeit eine kompensatorische Augenbewegung in die entgegengesetzte Richtung aus. Dadurch bleibt unser Blick trotz Kopfbewegung stabil.
Ein einfaches Beispiel:
Kopf dreht nach rechts → Augen bewegen sich nach links.
So können wir einen Gegenstand weiterhin scharf sehen, obwohl sich unser Kopf bewegt.
Normalerweise senden das rechte und das linke Gleichgewichtsorgan auch in Ruhe eine kontinuierliche Grundaktivität an das Gehirn. Sind beide Seiten gleich aktiv, interpretiert das Gehirn dies korrekt: Der Kopf bewegt sich nicht.
Was passiert bei einem plötzlichen Ungleichgewicht?
Fällt die Aktivität eines Gleichgewichtsorgans plötzlich ab – beispielsweise bei einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung –, entsteht ein Ungleichgewicht zwischen beiden Seiten.
Vereinfacht dargestellt:
gesundes Gleichgewichtsorgan → normale Aktivität
betroffenes Gleichgewichtsorgan → verminderte Aktivität
Das Gehirn erhält dadurch ein Signalmuster, das normalerweise bei einer Kopfbewegung auftreten würde.
Obwohl der Kopf stillsteht, interpretiert das Gehirn: „Der Kopf dreht sich.“
Der vestibulo-okuläre Reflex reagiert entsprechend. Die Augen bewegen sich langsam in eine Richtung und werden anschließend durch eine schnelle Augenbewegung wieder zurückgestellt. So entsteht der typische vestibuläre Spontannystagmus.
Ein Beispiel: akute einseitige vestibuläre Funktionsstörung rechts
Ist das rechte Gleichgewichtsorgan plötzlich deutlich schwächer aktiv als das linke, entsteht ein Tonusunterschied zwischen beiden Seiten. Die Augen bewegen sich zunächst langsam zur betroffenen rechten Seite. Anschließend erfolgt die schnelle Rückstellbewegung: nach links.
Der sichtbare Nystagmus wird deshalb als links schlagender Spontannystagmus bezeichnet.
Das erklärt die häufig verwendete Regel:
Bei einer akuten einseitigen vestibulären Unterfunktion schlägt der typische periphere Spontannystagmus meist zur gesunden Seite.
Diese Regel ist klinisch sehr hilfreich – sie gilt aber nicht für jede vestibuläre Erkrankung und nicht in jeder Krankheitsphase.
Morbus Menière ist dafür eines der interessantesten Beispiele. Während einer Menière-Attacke kann sich die Aktivität des betroffenen Gleichgewichtsorgans verändern – und damit kann sich sogar die Richtung des Spontannystagmus im Verlauf einer einzigen Attacke umkehren.
Darauf gehen wir im nächsten Teil ausführlich ein.
Nicht jeder Spontannystagmus bedeutet dasselbe
- In welche Richtung schlägt der Nystagmus?
- Ist er horizontal, horizontal-rotatorisch, vertikal oder rein torsionell?
- Verändert er sich abhängig von der Blickrichtung?
- Wird er durch visuelle Fixation unterdrückt?
- Wie stark ist er?
- Welche weiteren Beschwerden und Befunde liegen vor?
Wie sieht ein typischer peripher-vestibulärer Spontannystagmus aus?
- unidirektional , die schnelle Phase schlägt unabhängig von der Blickrichtung grundsätzlich in dieselbe Richtung
- horizontal-rotatorisch , neben einer horizontalen Augenbewegung ist häufig eine torsionelle Komponente vorhanden
- durch Fixation abgeschwächt Kann der Patient einen festen Punkt anschauen, wird ein peripher-vestibulärer Spontannystagmus häufig schwächer
Das Alexander-Gesetz
- Blick nach rechts → Nystagmus schwächer
- Blick geradeaus → Nystagmus deutlicher
- Blick nach links → Nystagmus am stärksten
Spontannystagmus bei Morbus Menière
Menière-Attacken liefern einen besonderen Einblick
Peripher oder zentral – was verrät uns der Nystagmus?
Typische Hinweise auf einen peripher-vestibulären Spontannystagmus
Wann macht ein Nystagmus an eine zentrale Ursache denken?
Der Nystagmus ist nur ein Teil der Untersuchung
- Kopfimpulstest
- Untersuchung auf vertikale Fehlstellung der Augen (Skew Deviation)
- Okulomotorik
- Koordination
- Stand und Gang
- weitere neurologische Auffälligkeiten
Wie wird ein Spontannystagmus untersucht?
- Ist bereits in Geradeausposition ein Nystagmus vorhanden?
- In welche Richtung schlägt die schnelle Phase?
- Ist die Bewegung horizontal, vertikal oder torsionell?
- Gibt es eine Kombination verschiedener Bewegungsrichtungen?
- beim Blick nach rechts → links schlagend
- beim Blick geradeaus → links schlagend
- beim Blick nach links → links schlagend
- Frenzelbrille
- Videobrille
- Infrarot-Videonystagmografie
- Richtung: rechts schlagend / links schlagend / Upbeat / Downbeat
- Ebene: horizontal / horizontal-rotatorisch / vertikal / torsionell
- Blickabhängigkeit: gleichbleibende Schlagrichtung oder Richtungswechsel?
- Fixation: wird der Nystagmus durch Fixation schwächer?
- Intensität: wie deutlich ist der Nystagmus und verändert er sich mit der Blickrichtung?
- Begleitbefunde: Kopfimpulstest, Skew Deviation, Okulomotorik, Stand, Gang, Koordination und weitere neurologische Auffälligkeiten.
Was bedeutet die Geschwindigkeit des Nystagmus?
Warum Videoaufnahmen besonders interessant sein können
- ob während der Attacke ein Nystagmus vorhanden war
- in welche Richtung er geschlagen hat
- ob sich seine Richtung im Verlauf verändert hat
Was passiert mit dem Spontannystagmus im Verlauf?
- verschwommenes Sehen bei Kopfbewegungen
- Unsicherheit beim schnellen Drehen des Kopfes
- Gleichgewichtsprobleme
- Unsicherheit im Dunkeln
- Probleme auf unebenem Untergrund
- eingeschränkte Stabilität beim Gehen oder bei sportlicher Aktivität
Was ist ein Recovery-Nystagmus?
Kompensation bedeutet mehr als nur das Verschwinden des Nystagmus
- die veränderten vestibulären Signale neu zu gewichten,
- Informationen aus Augen und Körperwahrnehmung besser zu nutzen,
- Blickstabilität bei Kopfbewegungen wiederherzustellen,
- Gleichgewichtsreaktionen anzupassen
- und Bewegungen wieder sicher in den Alltag zu integrieren.
Warum Bewegung für die Kompensation wichtig ist
Medikamente können die Kompensation beeinflussen
- Wird der Nystagmus schwächer?
- Ist er nur noch ohne Fixation sichtbar?
- Hat sich seine Richtung verändert?
- Wie entwickelt sich gleichzeitig die Stand- und Gangstabilität?
- Besteht weiterhin eine Einschränkung des vestibulo-okulären Reflexes?
Quellen
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Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken