Was ist ein Spontannystagmus?

Spontannystagmus – was uns die Augen über das Gleichgewichtssystem verraten

Die Augen können bei Schwindel wichtige Hinweise darauf geben, was gerade im Gleichgewichtssystem passiert. Eine der auffälligsten Veränderungen ist der sogenannte Spontannystagmus – eine rhythmische Augenbewegung, die ohne gezielte Provokation auftreten kann.

Besonders bei akuten vestibulären Erkrankungen kann der Spontannystagmus ein wichtiger klinischer Befund sein. Er kann beispielsweise bei einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung, während einer Morbus-Menière-Attacke oder auch bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems auftreten.

Dabei ist nicht nur entscheidend, ob ein Nystagmus vorhanden ist. Auch seine Richtung, Stärke, Veränderung bei unterschiedlicher Blickrichtung und sein Verhalten mit oder ohne visuelle Fixation liefern wichtige Informationen.

Was ist ein Spontannystagmus?

Als Nystagmus bezeichnet man unwillkürliche, rhythmische Augenbewegungen. Bei einem typischen vestibulären Spontannystagmus wechseln sich zwei unterschiedliche Bewegungen ab:

1. Langsame Phase
Die Augen bewegen sich langsam in eine Richtung.

2. Schnelle Phase
Anschließend erfolgt eine schnelle Rückstellbewegung in die entgegengesetzte Richtung.

Obwohl die langsame Phase für das Verständnis des vestibulären Mechanismus besonders wichtig ist, wird die Richtung des Nystagmus nach seiner schnellen Phase benannt. Bewegen sich die Augen beispielsweise langsam nach links und anschließend schnell nach rechts zurück, sprechen wir von einem:

→ rechts schlagenden Nystagmus.

Das ist wichtig, weil die Begriffe „rechts schlagend“ oder „links schlagend“ zunächst nur die Richtung der schnellen Augenbewegung beschreiben. Daraus allein lässt sich noch nicht sicher ableiten, auf welcher Seite die Ursache der Erkrankung liegt.

Warum bewegen sich die Augen überhaupt?

Das Gleichgewichtssystem und die Augen sind über den vestibulo-okulären Reflex (VOR) eng miteinander verbunden. Bei einer normalen Kopfbewegung registrieren die Gleichgewichtsorgane die Bewegung und lösen innerhalb kürzester Zeit eine kompensatorische Augenbewegung in die entgegengesetzte Richtung aus. Dadurch bleibt unser Blick trotz Kopfbewegung stabil.

Ein einfaches Beispiel:

Kopf dreht nach rechts → Augen bewegen sich nach links.

So können wir einen Gegenstand weiterhin scharf sehen, obwohl sich unser Kopf bewegt.

Normalerweise senden das rechte und das linke Gleichgewichtsorgan auch in Ruhe eine kontinuierliche Grundaktivität an das Gehirn. Sind beide Seiten gleich aktiv, interpretiert das Gehirn dies korrekt: Der Kopf bewegt sich nicht.

Was passiert bei einem plötzlichen Ungleichgewicht?

Fällt die Aktivität eines Gleichgewichtsorgans plötzlich ab – beispielsweise bei einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung –, entsteht ein Ungleichgewicht zwischen beiden Seiten.

Vereinfacht dargestellt:

gesundes Gleichgewichtsorgan → normale Aktivität

betroffenes Gleichgewichtsorgan → verminderte Aktivität

Das Gehirn erhält dadurch ein Signalmuster, das normalerweise bei einer Kopfbewegung auftreten würde.

Obwohl der Kopf stillsteht, interpretiert das Gehirn: „Der Kopf dreht sich.“

Der vestibulo-okuläre Reflex reagiert entsprechend. Die Augen bewegen sich langsam in eine Richtung und werden anschließend durch eine schnelle Augenbewegung wieder zurückgestellt. So entsteht der typische vestibuläre Spontannystagmus.

Ein Beispiel: akute einseitige vestibuläre Funktionsstörung rechts

Ist das rechte Gleichgewichtsorgan plötzlich deutlich schwächer aktiv als das linke, entsteht ein Tonusunterschied zwischen beiden Seiten. Die Augen bewegen sich zunächst langsam zur betroffenen rechten Seite. Anschließend erfolgt die schnelle Rückstellbewegung: nach links.

Der sichtbare Nystagmus wird deshalb als links schlagender Spontannystagmus bezeichnet.

Das erklärt die häufig verwendete Regel:

Bei einer akuten einseitigen vestibulären Unterfunktion schlägt der typische periphere Spontannystagmus meist zur gesunden Seite.

Diese Regel ist klinisch sehr hilfreich – sie gilt aber nicht für jede vestibuläre Erkrankung und nicht in jeder Krankheitsphase.

Morbus Menière ist dafür eines der interessantesten Beispiele. Während einer Menière-Attacke kann sich die Aktivität des betroffenen Gleichgewichtsorgans verändern – und damit kann sich sogar die Richtung des Spontannystagmus im Verlauf einer einzigen Attacke umkehren.

Darauf gehen wir im nächsten Teil ausführlich ein.

Nicht jeder Spontannystagmus bedeutet dasselbe

Ein Spontannystagmus zeigt zunächst, dass zwischen den Systemen, die unsere Augenposition und unser Gleichgewicht kontrollieren, ein Ungleichgewicht besteht. Woher dieses Ungleichgewicht kommt, lässt sich aus der bloßen Tatsache, dass ein Nystagmus vorhanden ist, jedoch nicht ableiten.

Entscheidend sind mehrere Eigenschaften:
  • In welche Richtung schlägt der Nystagmus?
  • Ist er horizontal, horizontal-rotatorisch, vertikal oder rein torsionell?
  • Verändert er sich abhängig von der Blickrichtung?
  • Wird er durch visuelle Fixation unterdrückt?
  • Wie stark ist er?
  • Welche weiteren Beschwerden und Befunde liegen vor?
Gerade diese Eigenschaften helfen dabei, einen eher peripher-vestibulären von einem möglicherweise zentral verursachten Nystagmus zu unterscheiden.

Wie sieht ein typischer peripher-vestibulärer Spontannystagmus aus?

Bei einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung entsteht häufig ein horizontal-rotatorischer Spontannystagmus.

Typischerweise ist er:
  • unidirektional
, die schnelle Phase schlägt unabhängig von der Blickrichtung grundsätzlich in dieselbe Richtung
  • horizontal-rotatorisch
, neben einer horizontalen Augenbewegung ist häufig eine torsionelle Komponente vorhanden
  • durch Fixation abgeschwächt
Kann der Patient einen festen Punkt anschauen, wird ein peripher-vestibulärer Spontannystagmus häufig schwächer
Deshalb werden zur Untersuchung beispielsweise eine Frenzelbrille oder Videonystagmografie eingesetzt. Sie erschweren beziehungsweise verhindern die visuelle Fixation und können dadurch einen Nystagmus sichtbar machen, der mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist.

Das Alexander-Gesetz

Ein weiteres typisches Merkmal eines peripheren Spontannystagmus ist das sogenannte Alexander-Gesetz.
Dabei nimmt die Intensität des Nystagmus zu, wenn der Patient in Richtung der schnellen Phase blickt.

Bei einem links schlagenden Spontannystagmus bedeutet dies beispielsweise:
  • Blick nach rechts
→ Nystagmus schwächer
  • Blick geradeaus
→ Nystagmus deutlicher
  • Blick nach links
→ Nystagmus am stärksten
Die Schlagrichtung bleibt dabei jedoch links.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem echten blickrichtungsabhängigen Nystagmus, bei dem sich die Schlagrichtung mit der Blickrichtung verändern kann.

Spontannystagmus bei Morbus Menière

Morbus Menière ist ein besonders interessantes Beispiel dafür, warum die einfache Regel „Nystagmus schlägt zur gesunden Seite“ nicht immer funktioniert.
Während einer akuten Menière-Attacke kann sich die Aktivität des betroffenen Gleichgewichtsorgans dynamisch verändern. Dadurch kann sich auch die Richtung des Spontannystagmus im Verlauf einer Attacke verändern.
Untersuchungen mit Video-Okulografie zeigen, dass während Menière-Attacken unterschiedliche Nystagmusphasen auftreten können.

1. Irritative Phase
Zu Beginn einer Attacke kann die Aktivität des betroffenen Vestibularorgans vorübergehend gesteigert sein.
Der Spontannystagmus kann dann zum betroffenen Ohr schlagen.
Man spricht von einem irritativen Nystagmus.

2. Paretische Phase
Im weiteren Verlauf kann die Funktion des betroffenen Vestibularorgans abnehmen.
Nun entsteht ein Muster ähnlich einer akuten einseitigen vestibulären Unterfunktion.
Der Nystagmus schlägt dann häufig zum gesunden Ohr.
Dies wird als paretischer Nystagmus bezeichnet.

3. Erholungsphase
Während sich das vestibuläre System anschließend wieder verändert und zentrale Kompensationsmechanismen einsetzen, kann erneut ein Richtungswechsel auftreten.
Der Nystagmus kann dann wieder zum betroffenen Ohr schlagen.
Dieser sogenannte Recovery-Nystagmus zeigt eindrucksvoll, dass die Richtung eines Nystagmus immer im Zusammenhang mit dem Zeitpunkt und Verlauf der Erkrankung beurteilt werden muss.

Menière-Attacken liefern einen besonderen Einblick

Moderne Video-Okulografie hat es ermöglicht, Augenbewegungen von Patienten direkt während spontaner Menière-Attacken aufzuzeichnen.
In einer prospektiven Untersuchung von 70 Patienten mit Morbus Menière konnte während der aufgezeichneten Attacken bei allen 70 Patienten ein Nystagmus nachgewiesen werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Patient mit Morbus Menière jederzeit einen Spontannystagmus zeigt.
Entscheidend ist der Zeitpunkt: Während einer akuten Attacke ist ein Nystagmus sehr häufig zu beobachten. Zwischen den Attacken kann die Untersuchung dagegen unauffällig sein.
Gerade deshalb können Videoaufnahmen der Augen während einer Attacke diagnostisch sehr wertvolle Informationen liefern.

Peripher oder zentral – was verrät uns der Nystagmus?

Ein Spontannystagmus kann durch eine Störung des peripheren Gleichgewichtsorgans entstehen – also im Innenohr oder am Vestibularnerv. Er kann jedoch auch Ausdruck einer zentralen Störung im Hirnstamm oder Kleinhirn sein.
Deshalb gehört die genaue Beurteilung der Augenbewegungen zu den wichtigsten Bestandteilen der klinischen Befundung bei akutem Schwindel.
Dabei gilt:
Kein einzelnes Nystagmusmerkmal sollte isoliert beurteilt werden.
Entscheidend ist immer die Kombination aus Augenbewegungen, Beschwerden, neurologischen Zeichen und weiteren klinischen Befunden.

Typische Hinweise auf einen peripher-vestibulären Spontannystagmus

Bei einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung zeigt sich häufig ein charakteristisches Muster.
Der Nystagmus ist typischerweise: horizontal-rotatorisch und unidirektional.
Die horizontale Komponente steht meist im Vordergrund und wird häufig von einer torsionellen Komponente begleitet.
Die schnelle Phase schlägt bei Blick geradeaus sowie beim Blick nach rechts oder links grundsätzlich in dieselbe Richtung.
 
Das Fixieren eines festen Punktes kann den Nystagmus deutlich reduzieren. Wird die visuelle Fixation beispielsweise mit einer Frenzelbrille oder Videobrille aufgehoben, kann er stärker sichtbar werden.
 
Beim Blick in Richtung der schnellen Phase wird der Nystagmus typischerweise stärker. (nach dem Alexander-Gesetz beeinflussbar)
Diese Merkmale passen häufig zu einer akuten peripher-vestibulären Tonusasymmetrie.
 

Wann macht ein Nystagmus an eine zentrale Ursache denken?

Bestimmte Augenbewegungen sind für eine einfache einseitige peripher-vestibuläre Funktionsstörung ungewöhnlich und können auf eine Beteiligung von Hirnstamm oder Kleinhirn hinweisen.
Dazu gehören insbesondere:

Rein vertikaler Nystagmus
Ein ausschließlich nach oben oder unten schlagender Spontannystagmus ist verdächtig auf eine zentrale Ursache.
Besonders ein Downbeat-Nystagmus, bei dem die schnelle Phase nach unten gerichtet ist, ist ein klassisches Beispiel für einen zentralen Nystagmus.

Rein torsioneller Nystagmus
Auch ein rein torsioneller Spontannystagmus ohne relevante horizontale Komponente sollte an eine zentrale Ursache denken lassen.

Richtungswechsel mit der Blickrichtung
Schlägt der Nystagmus beim Blick nach rechts nach rechts und beim Blick nach links nach links, spricht man von einem blickrichtungsabhängigen Nystagmus.
Ein solcher Richtungswechsel unterscheidet sich vom Alexander-Gesetz.
Beim Alexander-Gesetz verändert sich lediglich die Stärke des Nystagmus – seine Schlagrichtung bleibt gleich.
Beim zentralen Blickrichtungsnystagmus kann sich dagegen tatsächlich die Schlagrichtung ändern.

Die Fixation liefert weitere Hinweise
Unser Gehirn kann einen peripher-vestibulären Spontannystagmus durch visuelle Fixation häufig teilweise unterdrücken.
Deshalb kann ein Patient bei normaler Betrachtung nur einen sehr schwachen Nystagmus zeigen, während dieser nach Aufhebung der Fixation deutlich sichtbar wird.
Fehlt diese Fixationssuppression oder wird ein Nystagmus unter Fixation sogar deutlicher, kann dies ein Hinweis auf eine zentrale Störung sein.
Auch hier gilt jedoch: Dieser Befund darf nicht isoliert interpretiert werden.

Der Nystagmus ist nur ein Teil der Untersuchung

Gerade beim akuten vestibulären Syndrom – also plötzlich einsetzendem, anhaltendem Schwindel mit Übelkeit, Nystagmus und ausgeprägter Stand- oder Gangunsicherheit – muss zwischen einer peripheren Ursache und beispielsweise einem Schlaganfall im hinteren Kreislauf unterschieden werden.
Dafür werden mehrere klinische Befunde miteinander kombiniert.
Neben der Beurteilung des Nystagmus spielen beispielsweise eine Rolle:
  • Kopfimpulstest
  • Untersuchung auf vertikale Fehlstellung der Augen (Skew Deviation)
  • Okulomotorik
  • Koordination
  • Stand und Gang
  • weitere neurologische Auffälligkeiten
Bei entsprechend geschulten Untersuchern kann beim passenden akuten vestibulären Syndrom die Kombination aus Head Impulse, Nystagmus und Test of Skew (HINTS) wichtige Hinweise auf eine zentrale Ursache liefern.
HINTS ist jedoch kein allgemeiner Schwindeltest und sollte nicht bei jedem Patienten mit Schwindel eingesetzt werden. Entscheidend sind die richtige Patientenauswahl und die entsprechende Erfahrung des Untersuchers.
Wichtig: Ein horizontaler Nystagmus schließt eine zentrale Ursache nicht aus
Ein häufiger Fehler besteht darin, einen horizontalen oder horizontal-rotatorischen Nystagmus automatisch als peripher zu bewerten.
Auch zentrale Erkrankungen – insbesondere Läsionen im Bereich von Hirnstamm oder Kleinhirn – können einen Nystagmus erzeugen, der zunächst wie ein peripherer Nystagmus aussieht.
Deshalb gilt:
Der Nystagmus liefert Hinweise – aber keine Diagnose für sich allein.

Wie wird ein Spontannystagmus untersucht?

Ein Spontannystagmus lässt sich häufig bereits durch die Beobachtung der Augen erkennen. Für eine genaue Beurteilung reicht es jedoch nicht aus, nur festzustellen, ob sich die Augen bewegen.
Entscheidend ist, den Nystagmus systematisch zu untersuchen und seine Eigenschaften möglichst genau zu beschreiben.
Dabei werden unter anderem Richtung, Ebene, Intensität, Blickabhängigkeit und der Einfluss der visuellen Fixationbeurteilt.

1. Untersuchung in Geradeausposition
Zunächst schaut der Patient mit möglichst gerade gehaltenem Kopf nach vorne.
Dabei wird beobachtet:
  • Ist bereits in Geradeausposition ein Nystagmus vorhanden?
  • In welche Richtung schlägt die schnelle Phase?
  • Ist die Bewegung horizontal, vertikal oder torsionell?
  • Gibt es eine Kombination verschiedener Bewegungsrichtungen?
Ein typischer peripher-vestibulärer Spontannystagmus ist häufig horizontal-rotatorisch.
Wichtig ist eine möglichst genaue Beschreibung. Statt lediglich „Nystagmus vorhanden“ zu dokumentieren, ist beispielsweise die Angabe „horizontal-rotatorischer, links schlagender Spontannystagmus“ wesentlich aussagekräftiger.

2. Untersuchung bei Blick nach rechts und links
Anschließend wird geprüft, wie sich der Nystagmus bei seitlicher Blickrichtung verändert.
Der Patient bewegt dabei nur die Augen, während der Kopf möglichst gerade bleibt.
Bei einem typischen peripheren Spontannystagmus bleibt die Schlagrichtung gleich.

Ein links schlagender Nystagmus bleibt also:
  • beim Blick nach rechts → links schlagend
  • beim Blick geradeaus → links schlagend
  • beim Blick nach links → links schlagend
Seine Stärke kann sich jedoch verändern.
Nach dem Alexander-Gesetz wird er beim Blick in Richtung seiner schnellen Phase typischerweise stärker.
Bei einem links schlagenden Nystagmus ist er deshalb häufig beim Blick nach links am deutlichsten.

3. Vorsicht bei extremen Blickpositionen
Bei der Untersuchung sollte der Patient nicht maximal zur Seite schauen.
Auch bei gesunden Menschen können in extremen Blickpositionen einige nystagmusähnliche Augenbewegungen auftreten. Dieses Phänomen wird als Endstellnystagmus bezeichnet und darf nicht vorschnell als pathologischer Befund interpretiert werden.
Für die klinische Untersuchung reichen deshalb moderate seitliche Blickpositionen in der Regel aus.

4. Untersuchung mit und ohne visuelle Fixation
Dieser Schritt ist besonders wichtig.
Das visuelle System kann einen peripher-vestibulären Spontannystagmus teilweise unterdrücken. Fixiert der Patient beispielsweise die Nase des Untersuchers oder einen Punkt an der Wand, kann der Nystagmus dadurch deutlich schwächer werden.
Deshalb sollte bei Verdacht auf eine vestibuläre Störung zusätzlich unter reduzierter oder aufgehobener visueller Fixation untersucht werden.
Dafür können beispielsweise verwendet werden:
  • Frenzelbrille
  • Videobrille
  • Infrarot-Videonystagmografie
Ohne Fixation kann ein zuvor kaum sichtbarer Nystagmus plötzlich deutlich hervortreten.
Das erklärt auch, warum eine Untersuchung der Augen mit bloßem Auge einen peripheren Spontannystagmus übersehen kann.

5. Was sollte dokumentiert werden?
Eine strukturierte Dokumentation erleichtert die spätere Interpretation erheblich.
Sinnvoll sind beispielsweise folgende Angaben:
  • Richtung: rechts schlagend / links schlagend / Upbeat / Downbeat
  • Ebene: horizontal / horizontal-rotatorisch / vertikal / torsionell
  • Blickabhängigkeit: gleichbleibende Schlagrichtung oder Richtungswechsel?
  • Fixation: wird der Nystagmus durch Fixation schwächer?
  • Intensität: wie deutlich ist der Nystagmus und verändert er sich mit der Blickrichtung?
  • Begleitbefunde: Kopfimpulstest, Skew Deviation, Okulomotorik, Stand, Gang, Koordination und weitere neurologische Auffälligkeiten.

Was bedeutet die Geschwindigkeit des Nystagmus?

Mit einer Video-Okulografie lässt sich ein Nystagmus wesentlich genauer analysieren als mit bloßem Auge.
Ein wichtiger Messwert ist dabei die Slow Phase Velocity (SPV) – die Geschwindigkeit der langsamen Phase des Nystagmus.
Je ausgeprägter die vestibuläre Tonusasymmetrie ist, desto höher kann die Geschwindigkeit der langsamen Augenbewegung sein.
Die SPV ermöglicht deshalb eine objektivere Beschreibung und Verlaufskontrolle des Nystagmus.
Sie sollte jedoch ebenfalls nicht isoliert betrachtet werden. Ein hoher oder niedriger Wert allein sagt noch nicht sicher aus, welche Erkrankung vorliegt.

Warum Videoaufnahmen besonders interessant sein können

Moderne Smartphones und Videobrillen eröffnen inzwischen interessante Möglichkeiten.
Gerade bei episodischen Erkrankungen wie Morbus Menière kann der Patient zum Zeitpunkt der ärztlichen oder therapeutischen Untersuchung bereits wieder weitgehend beschwerdefrei sein.
Eine während der Attacke aufgenommene Augenbewegung kann dann zusätzliche Hinweise liefern.
Solche Aufnahmen ersetzen selbstverständlich keine fachgerechte Untersuchung. Sie können jedoch helfen zu dokumentieren:
  • ob während der Attacke ein Nystagmus vorhanden war
  • in welche Richtung er geschlagen hat
  • ob sich seine Richtung im Verlauf verändert hat
Besonders bei wiederkehrenden Schwindelattacken kann diese Information diagnostisch wertvoll sein.

Was passiert mit dem Spontannystagmus im Verlauf?

Ein ausgeprägter Spontannystagmus muss nicht dauerhaft bestehen bleiben. Besonders nach einer akuten einseitigen vestibulären Funktionsstörung verändert sich der Befund häufig bereits innerhalb der ersten Tage deutlich.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sich das geschädigte Gleichgewichtsorgan vollständig erholt hat.
Ein wesentlicher Grund dafür ist die Fähigkeit unseres Gehirns, sich an veränderte Informationen aus dem Gleichgewichtssystem anzupassen. Dieser Prozess wird als vestibuläre Kompensation bezeichnet.
Das Gehirn versucht, das Ungleichgewicht auszugleichen

Nach einem plötzlichen einseitigen Funktionsverlust besteht zunächst eine deutliche Asymmetrie zwischen dem rechten und linken Vestibularorgan.
Vereinfacht dargestellt:
gesunde Seite → normale Aktivität
betroffene Seite → deutlich verminderte Aktivität

Dieses Ungleichgewicht wird vom Gehirn zunächst wie eine dauerhafte Kopfbewegung interpretiert. Die Folge können heftiger Schwindel, Übelkeit, Stand- und Gangunsicherheit sowie ein ausgeprägter Spontannystagmus sein.
Bereits in den folgenden Stunden und Tagen beginnen jedoch zentrale Anpassungsprozesse in Hirnstamm und Kleinhirn.
Das Gehirn versucht, die unterschiedliche Ruheaktivität beider Seiten neu auszubalancieren.
Der Spontannystagmus wird dadurch zunehmend schwächer und kann schließlich in Ruhe vollständig verschwinden.
Kein Spontannystagmus mehr – Gleichgewichtsorgan wieder gesund?
Nicht unbedingt.

Das ist für das Verständnis vestibulärer Erkrankungen besonders wichtig.
Ein Patient kann nach einigen Tagen keinen sichtbaren Spontannystagmus mehr zeigen, obwohl das betroffene Gleichgewichtsorgan weiterhin deutlich eingeschränkt ist.
Das Gehirn hat in diesem Fall die statische Asymmetrie weitgehend kompensiert.
Bei schnellen Kopfbewegungen kann die Funktionsstörung jedoch weiterhin deutlich werden. Dann können beispielsweise bestehen:
  • verschwommenes Sehen bei Kopfbewegungen
  • Unsicherheit beim schnellen Drehen des Kopfes
  • Gleichgewichtsprobleme
  • Unsicherheit im Dunkeln
  • Probleme auf unebenem Untergrund
  • eingeschränkte Stabilität beim Gehen oder bei sportlicher Aktivität
Auch ein pathologischer Kopfimpulstest oder vHIT kann weiterhin auf die bestehende vestibuläre Funktionsminderung hinweisen. Das Verschwinden des Spontannystagmus bedeutet deshalb nicht automatisch:
„Das Vestibularorgan funktioniert wieder normal.“

Was ist ein Recovery-Nystagmus?

Im Verlauf der vestibulären Kompensation kann gelegentlich ein interessantes Phänomen auftreten: der sogenannte Recovery-Nystagmus.
Bei einer akuten einseitigen vestibulären Unterfunktion schlägt der typische Spontannystagmus zunächst meist zur gesunden Seite.
Während der Erholung kann sich die Richtung jedoch umkehren.
Der Nystagmus schlägt dann vorübergehend: zur ursprünglich betroffenen Seite.
Ein solcher Richtungswechsel bedeutet nicht zwangsläufig, dass nun plötzlich die andere Seite erkrankt ist.
Er kann Ausdruck der dynamischen Anpassung des zentralen vestibulären Systems sein.
Auch deshalb sollte die Schlagrichtung eines Nystagmus niemals ohne Berücksichtigung des zeitlichen Verlaufs interpretiert werden.

Kompensation bedeutet mehr als nur das Verschwinden des Nystagmus

Die vestibuläre Kompensation besteht aus verschiedenen Anpassungsmechanismen.
Das Gehirn lernt unter anderem,
  • die veränderten vestibulären Signale neu zu gewichten,
  • Informationen aus Augen und Körperwahrnehmung besser zu nutzen,
  • Blickstabilität bei Kopfbewegungen wiederherzustellen,
  • Gleichgewichtsreaktionen anzupassen
  • und Bewegungen wieder sicher in den Alltag zu integrieren.
Ein Teil dieser Prozesse läuft spontan ab. Andere können durch gezielte Bewegung und vestibuläre Rehabilitationunterstützt werden.
 

Warum Bewegung für die Kompensation wichtig ist

Das vestibuläre System benötigt Bewegung, damit sich das Gehirn an die veränderten Signale anpassen kann.
Wer aus Angst vor Schwindel dauerhaft Kopfbewegungen und körperliche Aktivität vermeidet, reduziert genau die Reize, die für diese Anpassung wichtig sind.
Eine individuell dosierte vestibuläre Rehabilitation kann deshalb beispielsweise beinhalten:

Blickstabilisation
Gezielte Kopfbewegungen bei stabil gehaltenem Blick fördern die Anpassung des vestibulo-okulären Reflexes.

Gleichgewichtstraining
Unterschiedliche Untergründe, reduzierte visuelle Informationen und veränderte Standpositionen trainieren die sensorische Verarbeitung.

Gangtraining
Kopfbewegungen und komplexere Aufgaben werden zunehmend in das Gehen integriert.

Alltagstransfer
Entscheidend ist letztlich, wieder möglichst sicher und selbstverständlich auf alltägliche Bewegungen und Umgebungen reagieren zu können.

Medikamente können die Kompensation beeinflussen

Vestibulär dämpfende Medikamente können während einer schweren akuten Schwindelphase sinnvoll sein.
Werden solche Medikamente jedoch über längere Zeit eingenommen, können sie die für die Kompensation notwendigen vestibulären Signale reduzieren und dadurch die zentrale Anpassung ungünstig beeinflussen.
Deshalb werden vestibuläre Sedativa bei akuten peripher-vestibulären Erkrankungen in der Regel nur kurzfristigeingesetzt.
Die konkrete medikamentöse Behandlung sollte immer mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.
Der Verlauf liefert wichtige Informationen
Auch die Veränderung eines Spontannystagmus über die Zeit kann klinisch interessant sein.

Dabei sollte nicht nur dokumentiert werden:
„Nystagmus vorhanden – ja oder nein?“
Sondern beispielsweise:
  • Wird der Nystagmus schwächer?
  • Ist er nur noch ohne Fixation sichtbar?
  • Hat sich seine Richtung verändert?
  • Wie entwickelt sich gleichzeitig die Stand- und Gangstabilität?
  • Besteht weiterhin eine Einschränkung des vestibulo-okulären Reflexes?
Erst diese Kombination zeigt, wie sich das vestibuläre System tatsächlich entwickelt.

Quellen
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Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken