Vitamin D bei Lagerungsschwindel – kann es Rückfälle verhindern?

Warum Vitamin D bei wiederkehrendem Lagerungsschwindel eine Rolle spielen könnte

Der gutartige paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) gehört zu den häufigsten Ursachen für Drehschwindel. Typisch sind kurze, heftige Schwindelattacken, die durch bestimmte Kopfbewegungen ausgelöst werden – beispielsweise beim Umdrehen im Bett, Hinlegen, Aufstehen oder beim Blick nach oben.
Die gute Nachricht: Ein Lagerungsschwindel lässt sich in den meisten Fällen mit gezielten Repositionsmanövern sehr erfolgreich behandeln.
Doch viele Patienten kennen ein anderes Problem: Der Lagerungsschwindel kommt wieder.
Manchmal nach einigen Monaten, manchmal erst nach mehreren Jahren. Bei manchen Betroffenen treten sogar wiederholt neue Episoden auf.
In den vergangenen Jahren ist deshalb ein Faktor zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt: Vitamin D.
Mehrere Untersuchungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und wiederkehrendem Lagerungsschwindel hin. Besonders interessant ist die Frage, ob die Behandlung eines bestehenden Vitamin-D-Mangels dazu beitragen kann, erneute BPLS-Episoden zu verhindern.
 

Warum kommt Lagerungsschwindel überhaupt wieder?

Beim Lagerungsschwindel lösen sich kleine Kristalle aus dem sogenannten Otolithenorgan des Innenohrs.
Diese winzigen Strukturen werden Otokonien genannt.
Gelangen sie in einen Bogengang, können sie dort bei Kopfbewegungen die Flüssigkeit im Gleichgewichtsorgan ungewöhnlich stark bewegen.
Das Gehirn erhält dadurch für kurze Zeit widersprüchliche Informationen über die Bewegung des Kopfes.
Die Folge ist der typische heftige, aber meist nur kurz anhaltende Drehschwindel.
Mit einem gezielten Lagerungsmanöver können die frei beweglichen Otolithen wieder aus dem betroffenen Bogengang herausbefördert werden.
Damit lässt sich die aktuelle Episode häufig erfolgreich behandeln.
Das Manöver beantwortet allerdings nicht die Frage: Warum haben sich die Otolithen überhaupt gelöst?
Und genau hier beginnt die Forschung zu Vitamin D.
 

Was haben Vitamin D und die Otolithen miteinander zu tun?

Otokonien sind keine einfachen „Steinchen“.
Sie bestehen zu einem großen Teil aus Calciumcarbonat und sind in eine komplexe Eiweißstruktur eingebettet.
Damit diese Kristalle ihre normale Struktur behalten, ist ein funktionierender Calciumstoffwechsel notwendig.
Vitamin D spielt dabei eine wichtige Rolle.

Es beeinflusst unter anderem:
  • die Aufnahme von Calcium aus dem Darm,
  • den Calcium- und Phosphatstoffwechsel,
  • die Knochenmineralisation und
  • verschiedene Prozesse des Calciumhaushalts im Körper.
Forscher vermuten deshalb, dass ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel auch die Stabilität und den Stoffwechsel der Otokonien beeinflussen könnte.
Vereinfacht gesagt:
Ist der Calciumstoffwechsel gestört, könnten möglicherweise auch die kleinen Calciumkristalle im Gleichgewichtsorgan anfälliger werden.
Das ist eine plausible biologische Erklärung – sie beweist allerdings noch nicht, dass Vitamin-D-Mangel unmittelbar einen Lagerungsschwindel verursacht.
 

Vitamin-D-Mangel als möglicher Risikofaktor

In verschiedenen Studien wurden bei Patienten mit Lagerungsschwindel niedrigere Vitamin-D-Spiegel beobachtet.
Besonders interessant ist dabei eine Gruppe:
Patienten mit wiederkehrendem Lagerungsschwindel.
Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel scheint in mehreren Untersuchungen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für erneute BPLS-Episoden verbunden zu sein.
Das bedeutet jedoch nicht:
Vitamin-D-Mangel = Lagerungsschwindel.
BPLS ist eine multifaktorielle Erkrankung. Neben Veränderungen des Calciumstoffwechsels werden verschiedene weitere Faktoren mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht, beispielsweise höheres Lebensalter, Osteoporose, Kopfverletzungen oder bestimmte Erkrankungen des Innenohrs.
Vitamin D ist deshalb wahrscheinlich ein möglicher Baustein unter mehreren.
Gerade bei Patienten, die immer wieder Lagerungsschwindel entwickeln, kann dieser Baustein jedoch interessant werden.
 
Das Entscheidende: Behandlung und Vorbeugung sind zwei verschiedene Dinge
Hier entsteht leicht ein Missverständnis.
Vitamin D behandelt keinen akuten Lagerungsschwindel.
Befinden sich frei bewegliche Otolithen in einem Bogengang, müssen diese mechanisch wieder aus dem Bogengang herausbefördert werden.
Dafür werden gezielte Repositionsmanöver eingesetzt – abhängig davon, welcher Bogengang und welche Seite betroffen sind.
Vitamin D kann die Otolithen nicht aus einem Bogengang „auflösen“ oder herausbefördern.
Die wissenschaftlich interessante Frage lautet deshalb nicht:
„Kann Vitamin D Lagerungsschwindel behandeln?“
Sondern:
„Kann die Behandlung eines Vitamin-D-Mangels dazu beitragen, dass Lagerungsschwindel seltener wiederkommt?“
Und genau hierzu gibt es inzwischen interessante wissenschaftliche Daten.

Warum das Thema gerade bei wiederkehrendem BPLS interessant ist

Wer einmal einen Lagerungsschwindel hatte, muss nicht automatisch seinen Vitamin-D-Spiegel bestimmen lassen.
Anders kann die Situation aussehen, wenn der Lagerungsschwindel immer wieder auftritt.
Hat ein Patient innerhalb relativ kurzer Zeit mehrere eindeutig diagnostizierte BPLS-Episoden, stellt sich neben der korrekten Behandlung zunehmend die Frage nach möglichen begünstigenden Faktoren.
Dazu kann auch der Vitamin-D-Status gehören.
Entscheidend ist allerdings, nicht einfach auf Verdacht hoch dosiertes Vitamin D einzunehmen.
Zunächst muss geklärt werden, ob überhaupt ein Mangel besteht.
Denn aus der Beobachtung eines Zusammenhangs zwischen Vitamin-D-Mangel und BPLS lässt sich nicht ableiten, dass jeder Patient mit Lagerungsschwindel Vitamin D einnehmen sollte.
Im nächsten Teil schauen wir deshalb genauer auf die entscheidende Frage:
Was zeigen die wissenschaftlichen Studien tatsächlich – und kann eine Vitamin-D-Supplementierung die Zahl der Rückfälle messbar reduzieren?

Was sagt die Wissenschaft zu Vitamin D und wiederkehrendem Lagerungsschwindel?

Die Verbindung zwischen Vitamin D und Lagerungsschwindel klingt zunächst überraschend.
Inzwischen wurde dieser Zusammenhang jedoch in zahlreichen Studien untersucht. Dabei geht es vor allem um zwei Fragen:
Haben Patienten mit wiederkehrendem Lagerungsschwindel häufiger niedrige Vitamin-D-Werte?
Und noch wichtiger:
Kann die Behandlung eines Vitamin-D-Mangels tatsächlich dazu beitragen, erneute BPLS-Episoden zu verhindern?
Die bisherige Studienlage liefert hierfür interessante Hinweise.
 

Niedrige Vitamin-D-Werte und BPLS-Rezidive

Mehrere Beobachtungsstudien und Meta-Analysen zeigen einen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel und dem Auftreten beziehungsweise Wiederauftreten eines benignen paroxysmalen Lagerungsschwindels.
Besonders auffällig ist dieser Zusammenhang bei Patienten, die wiederholt BPLS-Episoden entwickeln.
Patienten mit rezidivierendem Lagerungsschwindel weisen in verschiedenen Untersuchungen im Durchschnitt niedrigere Vitamin-D-Werte auf als Vergleichsgruppen ohne wiederkehrende Episoden.
Das bedeutet allerdings noch nicht automatisch, dass ein Vitamin-D-Mangel den Lagerungsschwindel verursacht.
Denn solche Studien zeigen zunächst nur einen Zusammenhang.
Interessanter wird die Frage deshalb, wenn untersucht wird, was passiert, wenn ein bestehender Vitamin-D-Mangel tatsächlich behandelt wird.
 

Die entscheidende Frage: Kann Vitamin D Rückfälle verhindern?

Eine der wichtigsten Untersuchungen hierzu stammt von Jeong und Kollegen.
In einer großen randomisierten multizentrischen Studie wurde untersucht, ob eine Supplementierung von Vitamin D und Calcium die Häufigkeit erneuter Lagerungsschwindel-Episoden reduzieren kann.
Teilnehmer mit einem Vitamin-D-Spiegel unter 20 ng/ml erhielten Vitamin D und Calcium.
Die Kontrollgruppe wurde nach der üblichen klinischen Versorgung behandelt.
Das Ergebnis war bemerkenswert:
In der Supplementierungsgruppe traten signifikant weniger BPLS-Rezidive auf.
Die jährliche Rezidivrate lag ungefähr bei: 0,83 Episoden pro Personenjahr mit Supplementierung
gegenüber 1,10 Episoden pro Personenjahr in der Kontrollgruppe.
Das entspricht einer relativen Reduktion der Rezidivrate von ungefähr 24 Prozent.
Noch anschaulicher:
Ungefähr 3,7 Patienten mussten ein Jahr lang behandelt werden, um bei einem Patienten ein erneutes BPLS zu verhindern.
Diese sogenannte Number Needed to Treat ist klinisch durchaus interessant.
 
Besonders wichtig: Es geht um einen bestehenden Mangel
Aus diesen Ergebnissen darf jedoch nicht der Schluss gezogen werden:
„Jeder Patient mit Lagerungsschwindel sollte Vitamin D einnehmen.“
Die Supplementierung erfolgte in der Studie gezielt bei Patienten mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel.
Genau dieser Unterschied ist entscheidend.
Die bisherige Evidenz spricht deshalb eher dafür:
Bei wiederkehrendem Lagerungsschwindel kann es sinnvoll sein, einen möglichen Vitamin-D-Mangel zu erkennen und gegebenenfalls zu behandeln.
Sie spricht nicht für eine pauschale Einnahme hoher Vitamin-D-Dosen bei jedem Patienten mit BPLS.
 

Was zeigen Meta-Analysen?

Auch verschiedene systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.
Zusammenfassend zeigen sie:
  • Niedrige Vitamin-D-Spiegel treten bei Patienten mit rezidivierendem BPLS häufiger auf.
  • Ein Vitamin-D-Mangel könnte mit einem erhöhten Rezidivrisiko verbunden sein.
  • Eine Vitamin-D-Supplementierung bei Patienten mit niedrigen Ausgangswerten kann die Häufigkeit erneuter BPLS-Episoden reduzieren.
Die Ergebnisse sind damit durchaus vielversprechend.
Allerdings unterscheiden sich die Studien teilweise deutlich hinsichtlich:
  • der Definition eines Vitamin-D-Mangels,
  • der verwendeten Vitamin-D-Dosierung,
  • einer zusätzlichen Calciumgabe,
  • der Dauer der Behandlung,
  • der Nachbeobachtungszeit und
  • der Definition eines BPLS-Rezidivs.
Deshalb lässt sich aus den bisherigen Daten noch kein für alle Patienten identisches Behandlungsschema ableiten.
 

Zusammenhang bedeutet nicht automatisch Ursache

Dieser Punkt ist besonders wichtig.
Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Werten unterscheiden sich möglicherweise auch in anderen Bereichen von Menschen mit normalen Vitamin-D-Spiegeln.
Beispielsweise können gleichzeitig Veränderungen des Knochenstoffwechsels, Osteoporose, höheres Lebensalter oder andere Erkrankungen vorliegen.
Deshalb lässt sich aus Beobachtungsstudien allein nicht sicher ableiten:
Vitamin-D-Mangel verursacht Lagerungsschwindel.
Die Interventionsstudien machen den Zusammenhang allerdings wesentlich interessanter, weil eine Behandlung des Mangels offenbar die Zahl erneuter Episoden reduzieren kann.
 

Was bedeutet ein Vitamin-D-Wert von 20 ng/ml?

In vielen Studien wird die Konzentration von 25-Hydroxy-Vitamin D [25(OH)D] im Blut bestimmt.
Dieser Wert dient zur Beurteilung des Vitamin-D-Status.
In der großen Interventionsstudie von Jeong et al. wurde eine Supplementierung bei Werten unter 20 ng/ml durchgeführt.
Dieser Grenzwert stammt aus dem Studiendesign und sollte nicht als allgemeingültige Grenze für jeden Patienten verstanden werden.
Ob eine Behandlung notwendig ist und welche Dosierung sinnvoll ist, sollte individuell medizinisch beurteilt werden.
 

Wie stark ist die Evidenz?

Die Studienlage ist inzwischen deutlich interessanter als noch vor einigen Jahren.
Trotzdem sollten wir nicht behaupten, Vitamin D sei ein bewiesenes „Medikament gegen Lagerungsschwindel“.
Dafür gibt es mehrere Gründe.
Viele Untersuchungen sind Beobachtungsstudien. Die Interventionsstudien unterscheiden sich hinsichtlich Dosierung und Patientenauswahl, und nicht in allen Studien wurde Vitamin D allein eingesetzt.
Außerdem bleibt offen, ob Patienten mit normalen Vitamin-D-Werten überhaupt von einer zusätzlichen Supplementierung profitieren.
Die derzeit sinnvollste Interpretation lautet deshalb:
Bei Patienten mit wiederkehrendem BPLS und nachgewiesen niedrigem Vitamin-D-Spiegel gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die Behandlung des Mangels die Häufigkeit weiterer BPLS-Episoden reduzieren kann.
Das ist etwas völlig anderes als die Aussage:
„Vitamin D verhindert Lagerungsschwindel.“

Behandlung des Anfalls und Vorbeugung klar trennen

Für die praktische Behandlung bleibt deshalb eine wichtige Unterscheidung:

Akuter Lagerungsschwindel
Otolithen befinden sich im Bogengang.
  • Diagnostisches Lagerungsmanöver
  • betroffenen Bogengang und Seite bestimmen
  • gezieltes Repositionsmanöver
Wiederkehrender Lagerungsschwindel
Nach erfolgreicher Behandlung treten erneut BPLS-Episoden auf.
  • mögliche Risikofaktoren berücksichtigen
  • bei entsprechender Konstellation Vitamin-D-Status überprüfen
  • nachgewiesenen Mangel ärztlich beurteilen und gegebenenfalls behandeln
Vitamin D und Lagerungsmanöver konkurrieren also nicht miteinander.
Sie verfolgen zwei vollkommen unterschiedliche Ziele:
Das Lagerungsmanöver behandelt die aktuelle BPLS-Episode.
Die Behandlung eines Vitamin-D-Mangels könnte helfen, zukünftige Episoden zu verhindern.

Was bedeutet das für Patienten mit wiederkehrendem Lagerungsschwindel?

Die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse machen Vitamin D vor allem für eine Patientengruppe interessant:
Menschen, bei denen ein Lagerungsschwindel immer wieder auftritt.
Wer einmalig einen BPLS entwickelt, benötigt deshalb nicht automatisch eine Vitamin-D-Supplementierung. Bei wiederkehrenden Episoden kann es jedoch sinnvoll sein, neben der Behandlung des akuten Lagerungsschwindels auch mögliche begünstigende Faktoren zu betrachten.
Dazu gehört unter anderem der Vitamin-D-Status.
 

Wann könnte eine Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels sinnvoll sein?

Eine Überprüfung kann insbesondere erwogen werden, wenn ein Lagerungsschwindel wiederholt auftritt.
Zusätzliche Gründe, den Vitamin-D-Status ärztlich beurteilen zu lassen, können beispielsweise sein:
  • bereits bekannter Vitamin-D-Mangel
  • Osteoporose oder Osteopenie
  • höheres Lebensalter
  • geringe Sonnenexposition
  • Erkrankungen oder Medikamente, die den Vitamin-D- oder Knochenstoffwechsel beeinflussen
Gemessen wird in der Regel 25-Hydroxy-Vitamin D [25(OH)D] im Blut.
Wichtig ist dabei: Ein Laborwert sollte nicht isoliert betrachtet werden. Ob tatsächlich ein behandlungsbedürftiger Mangel vorliegt und welche Supplementierung sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation ab.
 

Was tun bei einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel?

Wird bei einem Patienten mit wiederkehrendem BPLS ein niedriger Vitamin-D-Spiegel festgestellt, kann eine ärztlich abgestimmte Supplementierung sinnvoll sein.
Die genaue Dosierung sollte individuell festgelegt werden.
Dabei können unter anderem berücksichtigt werden:
  • Ausgangswert des Vitamin-D-Spiegels
  • Alter
  • Ernährung
  • Begleiterkrankungen
  • Nierenfunktion
  • Calciumstoffwechsel
  • bestehende Osteoporose
  • bereits eingenommene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel
Eine hoch dosierte Einnahme von Vitamin D auf eigene Faust ist nicht sinnvoll.
Denn auch bei Vitamin D gilt:
Mehr ist nicht automatisch besser.
Eine übermäßige Zufuhr kann zu erhöhten Calciumwerten im Blut und damit zu gesundheitlichen Problemen führen.
 

Akuter BPLS: Das Lagerungsmanöver bleibt die Behandlung der Wahl

Dieser Punkt ist besonders wichtig.
Wer morgens beim Umdrehen im Bett plötzlich wieder den typischen kurzen Drehschwindel verspürt, sollte nicht versuchen, die aktuelle Episode mit Vitamin D zu behandeln.
Zunächst muss festgestellt werden:
Handelt es sich tatsächlich wieder um einen Lagerungsschwindel?
Anschließend wird untersucht:
  • Welche Seite ist betroffen?
  • Welcher Bogengang ist betroffen?
  • Handelt es sich um eine Canalolithiasis oder Cupulolithiasis?
Erst danach lässt sich das passende Repositionsmanöver auswählen.
Je nach Befund kommen beispielsweise das Epley-, Semont-, Gufoni- oder Lempert-Manöver infrage.
Die mechanische Ursache des akuten Lagerungsschwindels wird damit direkt behandelt.
Vitamin D verfolgt ein vollkommen anderes Ziel.
 

Zwei unterschiedliche Strategien

Die Behandlung lässt sich deshalb sehr einfach in zwei Bereiche unterteilen:

1. Akute Episode behandeln
Otolithen befinden sich im Bogengang
  • Lagerungsuntersuchung
  • betroffene Seite und betroffenen Bogengang bestimmen
  • gezieltes Repositionsmanöver
2. Weitere Episoden möglichst verhindern
BPLS tritt wiederholt auf
  • mögliche Risikofaktoren betrachten
  • gegebenenfalls Vitamin-D-Status bestimmen
  • bei nachgewiesenem Mangel ärztlich abgestimmte Behandlung
  • möglicherweise geringeres Risiko weiterer BPLS-Episoden
Diese Unterscheidung ist entscheidend: Repositionsmanöver behandeln den aktuellen BPLS.
Vitamin D könnte bei bestehendem Mangel einen Beitrag zur Rezidivprävention leisten.
 

Kann man Lagerungsschwindel mit Vitamin D verhindern?

Ganz verhindern lässt sich ein erneuter Lagerungsschwindel wahrscheinlich nicht.
BPLS kann auch bei Menschen mit normalen Vitamin-D-Werten wieder auftreten.
Die Entstehung ist komplex und wird vermutlich von mehreren Faktoren beeinflusst.
Die derzeitige Forschung zeigt jedoch einen interessanten Ansatz:
Bei Patienten mit wiederkehrendem BPLS und niedrigem Vitamin-D-Spiegel scheint die Behandlung des Mangels die Häufigkeit weiterer Episoden reduzieren zu können.
Damit wird Vitamin D nicht zu einer „Therapie gegen Lagerungsschwindel“.
Es könnte vielmehr ein Baustein der Rezidivprävention bei ausgewählten Patienten sein.
 

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Vitamin D und wiederkehrendem Lagerungsschwindel gehört zu den interessanten Entwicklungen der BPLS-Forschung der vergangenen Jahre.
Otokonien bestehen wesentlich aus Calciumcarbonat. Ein Zusammenhang zwischen ihrem Stoffwechsel, dem Calciumhaushalt und Vitamin D ist daher biologisch plausibel.
Beobachtungsstudien zeigen, dass niedrige Vitamin-D-Werte häufiger mit rezidivierendem BPLS verbunden sind. Noch interessanter sind Interventionsstudien, in denen die Behandlung niedriger Vitamin-D-Werte mit einer geringeren Zahl erneuter BPLS-Episoden verbunden war.
Für die Praxis ergibt sich daraus eine differenzierte Botschaft:
Nicht jeder Patient mit Lagerungsschwindel benötigt Vitamin D.
Bei wiederkehrendem Lagerungsschwindel kann es jedoch sinnvoll sein, einen möglichen Vitamin-D-Mangel ärztlich abklären zu lassen.
Besteht tatsächlich ein Mangel, könnte dessen Behandlung neben anderen gesundheitlichen Gründen auch dazu beitragen, das Risiko weiterer BPLS-Episoden zu reduzieren.
Und trotzdem bleibt die wichtigste Regel:
Vitamin D behandelt keinen akuten Lagerungsschwindel.
Bei einer akuten BPLS-Episode sind die korrekte Lagerungsuntersuchung und das zum betroffenen Bogengang passende Repositionsmanöver weiterhin die entscheidenden Maßnahmen.

Quellen
Jeong SH, Kim JS, Kim HJ et al. Prevention of benign paroxysmal positional vertigo with vitamin D supplementation: A randomized trial. Neurology. 2020;95(9)–e1125.
Büki B, Ecker M, Jünger H, Lundberg YW. Vitamin D deficiency and benign paroxysmal positioning vertigo. Medical Hypotheses. 2013;80(2):201–204.
Rhim GI. Serum vitamin D and recurrent benign paroxysmal positional vertigo. Laryngoscope Investigative Otolaryngology. 2016;1(6):150–153.
Yang B, Lu Y, Xing D et al. Association between serum vitamin D levels and benign paroxysmal positional vertigo: a systematic review and meta-analysis of observational studies. European Archives of Oto-Rhino-Laryngology. 2020.
Weitere systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen untersuchten in den vergangenen Jahren den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel, BPLS-Rezidiven und Vitamin-D-Supplementierung. Aufgrund unterschiedlicher Studiendesigns, Grenzwerte und Supplementierungsschemata sind die Ergebnisse differenziert zu interpretieren.

Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken