Schwindel durch Herzrhythmusstörungen 

Warum Herzrasen, ein zu langsamer Puls oder ein unregelmäßiger Herzschlag Benommenheit und Ohnmacht auslösen können

Schwindel wird häufig mit dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr in Verbindung gebracht.
Tatsächlich können jedoch auch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems Schwindelbeschwerden verursachen.
Besonders wichtig sind dabei Herzrhythmusstörungen.
Wenn das Herz zeitweise zu langsam, zu schnell oder unregelmäßig schlägt, kann die Blutversorgung des Gehirns vorübergehend beeinträchtigt werden. Betroffene beschreiben dann häufig keinen klassischen Drehschwindel, sondern eher Benommenheit, Schwarzwerden vor Augen oder das Gefühl, gleich das Bewusstsein zu verlieren.
Solche Beschwerden sollten ernst genommen werden. Denn während viele vestibuläre Schwindelerkrankungen zwar belastend, aber nicht unmittelbar lebensbedrohlich sind, können bestimmte Herzrhythmusstörungen eine rasche medizinische Abklärung erforderlich machen.

In diesem Beitrag erklären wir, wie Herzrhythmusstörungen Schwindel auslösen können, welche Hinweise auf eine kardiale Ursache hindeuten und warum eine sorgfältige Abgrenzung zu Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans wichtig ist.
 

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein 67-jähriger Patient stellt sich wegen wiederkehrender Schwindelattacken vor. Er berichtet, dass ihm in den vergangenen Wochen mehrfach plötzlich „komisch im Kopf“ geworden sei.
Die Beschwerden treten nicht beim Umdrehen im Bett oder bei bestimmten Kopfbewegungen auf. Stattdessen beschreibt er ein plötzliches Gefühl von Benommenheit, gelegentlich begleitet von Herzklopfen und einer ausgeprägten Schwäche.
Einmal musste er sich während eines Spaziergangs hinsetzen, weil er das Gefühl hatte, gleich ohnmächtig zu werden. Nach kurzer Zeit besserten sich die Beschwerden wieder.
Die vestibuläre Befundung zeigt keine Hinweise auf einen typischen Lagerungsschwindel oder eine eindeutige periphere vestibuläre Funktionsstörung.
Aufgrund der geschilderten Beschwerden wird eine zeitnahe ärztliche Abklärung des Herz-Kreislauf-Systems empfohlen. Dabei wird insbesondere geprüft, ob eine Herzrhythmusstörung oder eine andere Kreislaufursache vorliegen könnte.
Dieses Beispiel zeigt, warum bei Schwindel nicht ausschließlich das Innenohr betrachtet werden sollte.
Die Art der Beschwerden, die Begleitsymptome und die auslösende Situation können wichtige Hinweise auf die Ursache liefern.
 

Wie kann das Herz Schwindel auslösen?

Das Gehirn benötigt eine kontinuierliche Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Diese wird durch den Blutkreislauf sichergestellt.
Das Herz übernimmt dabei die Aufgabe, Blut mit ausreichender Leistung durch den Körper zu pumpen.
Kommt es zu einer relevanten Störung des Herzrhythmus, kann die Pumpleistung zeitweise abnehmen. Dadurch kann auch die Durchblutung des Gehirns vorübergehend reduziert werden.

Die Folge können Beschwerden sein wie:
  • Benommenheit
  • Schwarzwerden vor Augen
  • Schwächegefühl
  • Unsicherheit beim Stehen
  • das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden
  • in ausgeprägten Fällen eine tatsächliche Bewusstlosigkeit
Medizinisch wird das Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Ohnmacht als Präsynkope bezeichnet.
Kommt es zu einem kurzzeitigen Bewusstseinsverlust infolge einer vorübergehenden Minderdurchblutung des Gehirns, spricht man von einer Synkope.
Wichtig ist: Nicht jede Herzrhythmusstörung führt zu Schwindel. Viele Rhythmusstörungen verursachen überhaupt keine Beschwerden oder werden lediglich als Herzstolpern wahrgenommen. Entscheidend ist, ob die Rhythmusstörung die Kreislauffunktion tatsächlich beeinträchtigt.
 

Wie entstehen Herzrhythmusstörungen?

Ein zu langsamer Herzschlag
Bei einer ausgeprägten Bradykardie schlägt das Herz zu langsam, um in bestimmten Situationen eine ausreichende Kreislaufleistung aufrechtzuerhalten.
Mögliche Folgen sind Müdigkeit, Leistungsschwäche, Benommenheit oder Synkopen.
Nicht jeder langsame Puls ist jedoch krankhaft. Gerade bei gut trainierten Ausdauersportlern kann eine niedrige Ruheherzfrequenz völlig normal sein. Entscheidend sind die Beschwerden, der Zusammenhang mit dem Herzrhythmus und die ärztliche Beurteilung.

Ein zu schneller Herzschlag
Bei bestimmten Tachykardien schlägt das Herz so schnell, dass die Füllung der Herzkammern und damit die effektive Pumpleistung beeinträchtigt werden können.
Betroffene bemerken möglicherweise plötzliches Herzrasen, Herzklopfen, Schwäche oder Benommenheit.
Auch hier gilt: Nicht jede erhöhte Herzfrequenz ist eine krankhafte Rhythmusstörung. Beim Sport, bei Fieber oder unter Stress ist ein schnellerer Puls zunächst eine normale Reaktion des Körpers.

Ein unregelmäßiger Herzschlag
Manche Rhythmusstörungen führen zu einem unregelmäßigen Herzschlag. Dazu gehört beispielsweise Vorhofflimmern.
Je nach Herzfrequenz, Dauer und bestehender Herzerkrankung können dabei Beschwerden wie Herzstolpern, Leistungsminderung, Atemnot oder Schwindel auftreten.
Ein unregelmäßiger Puls allein beweist jedoch noch keine bestimmte Rhythmusstörung. Die genaue Einordnung erfolgt durch eine ärztliche Untersuchung und ein EKG.
 

Welche Symptome sprechen eher für eine Herz-Kreislauf-Ursache?

Bestimmte Begleitsymptome können den Verdacht auf eine kardiale oder kreislaufbedingte Ursache verstärken.

Dazu gehören insbesondere:
  • plötzlich auftretende Benommenheit
  • Schwarzwerden vor Augen
  • das Gefühl einer bevorstehenden Ohnmacht
  • tatsächliche Bewusstlosigkeit
  • Herzrasen oder auffälliges Herzklopfen
  • ein sehr langsamer oder unregelmäßiger Puls
  • Schwindel während körperlicher Belastung
  • Beschwerden in Verbindung mit Brustschmerzen oder Atemnot
Diese Symptome sind nicht automatisch ein Beweis für eine Herzrhythmusstörung. Sie sind jedoch wichtige Hinweise, die eine gezielte medizinische Abklärung erforderlich machen können.
Besonders bei einer erstmaligen Synkope, bei wiederholten Beinahe-Ohnmachten oder bei Beschwerden während körperlicher Belastung sollte nicht einfach von einem harmlosen Schwindel ausgegangen werden.
 

Drehschwindel oder Benommenheit – hilft die Unterscheidung?

Die Beschreibung des Schwindels kann bei der Befundung hilfreich sein.
Ein typischer Lagerungsschwindel verursacht beispielsweise häufig kurze Drehschwindelattacken, die durch bestimmte Lageveränderungen des Kopfes ausgelöst werden.
Eine kreislaufbedingte Präsynkope wird dagegen oft als Benommenheit, Schwarzwerden vor Augen oder drohende Ohnmacht beschrieben.
Allerdings ist diese Unterscheidung nicht absolut zuverlässig.
Patienten verwenden den Begriff „Schwindel“ sehr unterschiedlich. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen können gelegentlich als Drehschwindel beschrieben werden, während vestibuläre Erkrankungen nicht immer ein klares Drehgefühl verursachen.
Deshalb sollte die Ursache niemals allein anhand der Frage „Dreht es sich oder schwankt es?“ festgelegt werden.
Wichtiger ist die Kombination aus:
Zeitlichem Verlauf, Auslösern, Begleitsymptomen, klinischer Befundung und gegebenenfalls weiterführender ärztlicher Untersuchung.
 

Warum die vestibuläre Befundung trotzdem wichtig ist

Auch wenn eine Herz-Kreislauf-Ursache vermutet wird, kann eine strukturierte vestibuläre Befundung wertvolle Informationen liefern.
Sie hilft beispielsweise dabei, Hinweise auf einen Lagerungsschwindel, eine vestibuläre Hypofunktion oder zentrale Auffälligkeiten zu erkennen.

Zur Befundung können – abhängig von der Situation – unter anderem gehören:
  • gezielte Schwindelanamnese
  • Untersuchung der Augenbewegungen
  • Spontannystagmus
  • Kopfimpulstest
  • dynamische Sehschärfe
  • Gleichgewichts- und Gangtests
  • Lagerungsuntersuchungen bei entsprechendem Verdacht
Bei Hinweisen auf eine kardiale Ursache darf eine unauffällige vestibuläre Befundung jedoch nicht als Entwarnung verstanden werden.
Ein unauffälliger Gleichgewichtsbefund schließt eine Herzrhythmusstörung nicht aus.
Vielmehr kann er dazu beitragen, die weitere Abklärung gezielter auszurichten.
 
MERKE
Nicht jeder Schwindel entsteht im Gleichgewichtsorgan.
Plötzliche Benommenheit, Schwarzwerden vor Augen, Herzrasen oder das Gefühl einer bevorstehenden Ohnmacht können auf eine Herz-Kreislauf-Ursache hinweisen.
Eine unauffällige vestibuläre Befundung schließt eine Herzrhythmusstörung nicht aus. Entscheidend sind die gesamte Anamnese, die Begleitsymptome und gegebenenfalls eine gezielte ärztliche Abklärung.
 

Wann sollte sofort medizinische Hilfe gesucht werden?

Schwindel in Verbindung mit bestimmten Warnzeichen kann auf eine ernsthafte Erkrankung hinweisen.
Bei Schwindel mit anhaltenden Brustschmerzen, schwerer Atemnot, Bewusstlosigkeit oder plötzlich auftretenden neurologischen Ausfällen sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden.
Auch eine Synkope während körperlicher Belastung oder im Liegen sowie eine Synkope mit vorausgehendem Herzrasen kann auf eine relevante kardiale Ursache hinweisen und erfordert eine dringliche medizinische Abklärung.
Bei wiederkehrenden Beinahe-Ohnmachten, neu aufgetretenem Herzrasen mit Schwindel oder einem auffällig langsamen Puls mit Beschwerden sollte zeitnah ärztlich untersucht werden, ob eine Herzrhythmusstörung oder eine andere Ursache vorliegt.
Im nächsten Teil schauen wir uns genauer an, welche Herzrhythmusstörungen Schwindel auslösen können und welche Untersuchungen zur Abklärung sinnvoll sind.

Welche Herzrhythmusstörungen können Schwindel auslösen?

Nicht jede Herzrhythmusstörung ist gefährlich, und nicht jede Rhythmusstörung verursacht Schwindel. Viele Menschen bemerken gelegentlich Herzstolpern, ohne dass eine relevante Erkrankung dahintersteckt.
Andererseits können bestimmte Rhythmusstörungen die Pumpleistung des Herzens so stark beeinträchtigen, dass das Gehirn vorübergehend nicht ausreichend durchblutet wird.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob das Herz zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig schlägt.
Wichtig ist, ob die Rhythmusstörung Beschwerden verursacht, die Kreislauffunktion beeinträchtigt und ob eine behandlungsbedürftige Herzerkrankung vorliegt.
 

1. Bradykardie – wenn das Herz zu langsam schlägt

Von einer Bradykardie spricht man bei Erwachsenen üblicherweise, wenn die Herzfrequenz in Ruhe unter 60 Schlägen pro Minute liegt.
Ein langsamer Puls ist jedoch nicht automatisch krankhaft.
Bei gut trainierten Ausdauersportlern kann eine niedrige Ruheherzfrequenz eine normale Anpassung an das Training sein. Auch während des Schlafs sinkt die Herzfrequenz häufig deutlich ab.
Problematisch wird eine Bradykardie vor allem dann, wenn das Herz nicht mehr ausreichend Blut in den Kreislauf pumpt oder längere Pausen auftreten.

Mögliche Beschwerden sind:
  • Benommenheit
  • ausgeprägte Müdigkeit
  • Leistungsschwäche
  • Schwarzwerden vor Augen
  • Präsynkope
  • Synkope
Ursachen können beispielsweise eine Erkrankung des Sinusknotens, Störungen der elektrischen Erregungsleitung oder bestimmte Medikamente sein.
Besonders wichtig ist die Frage, ob die Beschwerden zeitlich mit einer zu langsamen Herzfrequenz oder einer Herzpause zusammenfallen.
 

2. AV-Block – wenn die elektrische Weiterleitung gestört ist

Das Herz besitzt ein eigenes elektrisches Erregungsleitungssystem.
Die elektrischen Impulse entstehen normalerweise im Sinusknoten und werden über den AV-Knoten an die Herzkammern weitergeleitet.
Bei einem AV-Block ist diese Weiterleitung verzögert oder teilweise beziehungsweise vollständig unterbrochen.
Je nach Schweregrad kann dies völlig beschwerdefrei bleiben oder zu einem deutlich verlangsamten Herzschlag führen.
Besonders höhergradige AV-Blockierungen können mit Benommenheit, Präsynkopen oder Synkopen verbunden sein.
Ein AV-Block ersten Grades ist dagegen häufig ein Zufallsbefund und verursacht in der Regel keine Beschwerden.
Nicht jeder AV-Block ist deshalb gleich gefährlich. Entscheidend sind der genaue Typ, die Herzfrequenz und die klinischen Symptome.
 

3. Tachykardie – wenn das Herz zu schnell schlägt

Eine Tachykardie bezeichnet eine erhöhte Herzfrequenz. Bei Erwachsenen wird häufig eine Ruheherzfrequenz über 100 Schlägen pro Minute als Orientierung verwendet.
Ein schneller Puls ist jedoch zunächst keine Diagnose.
Bei körperlicher Belastung, Fieber, Schmerzen, Stress oder Flüssigkeitsmangel kann eine erhöhte Herzfrequenz eine normale beziehungsweise kompensatorische Reaktion sein.
Daneben gibt es krankhafte Herzrhythmusstörungen, bei denen das Herz plötzlich oder anhaltend zu schnell schlägt.
Dazu gehören beispielsweise bestimmte supraventrikuläre Tachykardien und ventrikuläre Tachykardien.

Mögliche Beschwerden sind:
  • plötzliches Herzrasen
  • Herzklopfen
  • Benommenheit
  • Schwächegefühl
  • Atemnot
  • Brustdruck
  • Präsynkope oder Synkope
Bei sehr hohen Herzfrequenzen kann die Füllungszeit der Herzkammern verkürzt sein. Dadurch kann die effektive Pumpleistung abnehmen.
Besonders bei bestehenden Herzerkrankungen können bestimmte Tachykardien eine ernsthafte Kreislaufstörung verursachen.
 

4. Vorhofflimmern – häufig, aber nicht immer die Ursache des Schwindels

Vorhofflimmern gehört zu den häufigsten anhaltenden Herzrhythmusstörungen.
Dabei ist die elektrische Aktivität der Vorhöfe ungeordnet. Der Herzschlag ist häufig unregelmäßig und kann zu schnell, normal schnell oder auch langsam sein.
Manche Patienten bemerken Vorhofflimmern überhaupt nicht.

Andere berichten über:
  • Herzstolpern oder Herzrasen
  • verminderte Belastbarkeit
  • Müdigkeit
  • Atemnot
  • Benommenheit
  • gelegentlich Präsynkopen
Ob Vorhofflimmern tatsächlich den Schwindel verursacht, muss individuell beurteilt werden.
Ein unregelmäßiger Puls allein beweist noch keinen ursächlichen Zusammenhang.
Besonders wichtig ist außerdem, dass Vorhofflimmern mit einem erhöhten Risiko für thromboembolische Schlaganfälle verbunden sein kann. Die ärztliche Behandlung umfasst deshalb nicht nur die Kontrolle von Herzfrequenz und Rhythmus, sondern gegebenenfalls auch die Beurteilung einer notwendigen Gerinnungshemmung.
 

5. Extrasystolen – Herzstolpern ist nicht automatisch gefährlich

Extrasystolen sind zusätzliche Herzschläge, die außerhalb des normalen Herzrhythmus auftreten.
Viele Menschen kennen das Gefühl, dass das Herz kurz „stolpert“ oder ein Schlag aussetzt.
Häufig wird dabei nicht der zusätzliche Schlag selbst, sondern der darauf folgende kräftigere Herzschlag wahrgenommen.
Einzelne Extrasystolen sind bei herzgesunden Menschen häufig und meist harmlos.
Treten sie jedoch sehr häufig auf, bestehen zusätzliche Beschwerden oder liegt eine bekannte Herzerkrankung vor, kann eine weitere Abklärung sinnvoll sein.
Herzstolpern und Schwindel sollten nicht automatisch miteinander gleichgesetzt werden.
Entscheidend ist, ob während der Beschwerden tatsächlich eine relevante Rhythmusstörung dokumentiert werden kann.
 

Wie erkennt man, ob der Schwindel wirklich vom Herzen kommt?

Die wichtigste Grundlage ist eine sorgfältige Anamnese.

Dabei interessieren insbesondere:
  • Wann tritt der Schwindel auf?
  • Beginnt er plötzlich oder schleichend?
  • Wie lange dauert er?
  • Besteht gleichzeitig Herzrasen oder Herzstolpern?
  • Kommt es zu Schwarzwerden vor Augen?
  • Gab es bereits eine Bewusstlosigkeit?
  • Treten die Beschwerden während körperlicher Belastung auf?
  • Bestehen Brustschmerzen oder Atemnot?
  • Welche Medikamente werden eingenommen?
  • Liegen bekannte Herzerkrankungen vor?
Auch die Familienanamnese kann wichtig sein, insbesondere bei ungeklärten plötzlichen Todesfällen oder erblichen Herzerkrankungen.
Die Beschreibung des Schwindels allein reicht jedoch nicht aus, um eine kardiale Ursache sicher festzustellen oder auszuschließen.
 

Welche Untersuchungen sind sinnvoll?

Ruhe-EKG
Das 12-Kanal-EKG gehört zu den wichtigsten Basisuntersuchungen bei Verdacht auf eine Herzrhythmusstörung.
Es kann beispielsweise Hinweise auf Vorhofflimmern, Leitungsstörungen, eine Bradykardie oder andere Auffälligkeiten liefern.
Ein normales Ruhe-EKG schließt eine intermittierende Rhythmusstörung allerdings nicht aus.
Wenn die Beschwerden nur gelegentlich auftreten, kann das EKG zwischen den Episoden völlig unauffällig sein.

Langzeit-EKG und Ereignisrekorder
Bei wiederkehrenden Beschwerden können längere EKG-Aufzeichnungen notwendig sein.
Je nach Häufigkeit der Symptome kommen beispielsweise ein 24- oder 48-Stunden-Langzeit-EKG, längere ambulante Aufzeichnungen oder Ereignisrekorder infrage.
Bei seltenen, aber klinisch relevanten ungeklärten Synkopen kann in ausgewählten Fällen auch ein implantierbarer Ereignisrekorder eingesetzt werden.
Das Ziel ist möglichst, den Herzrhythmus während einer typischen Beschwerdeepisode zu dokumentieren.
Erst dadurch lässt sich häufig beurteilen, ob Schwindel und Rhythmusstörung tatsächlich zusammenhängen.

Blutdruck und orthostatische Untersuchung
Nicht jede kreislaufbedingte Benommenheit entsteht durch eine Herzrhythmusstörung.
Auch ein Blutdruckabfall beim Aufstehen kann ähnliche Beschwerden verursachen.
Deshalb können Blutdruckmessungen im Liegen und Stehen beziehungsweise eine orthostatische Untersuchung sinnvoll sein.
Dabei wird geprüft, ob die Beschwerden mit Veränderungen von Blutdruck und Herzfrequenz zusammenhängen.

Echokardiographie
Eine Ultraschalluntersuchung des Herzens kann sinnvoll sein, wenn Hinweise auf eine strukturelle Herzerkrankung bestehen.
Sie ermöglicht unter anderem die Beurteilung der Herzklappen, der Herzkammern und der Pumpfunktion.

Laboruntersuchungen
Abhängig von der klinischen Situation können auch Blutuntersuchungen erforderlich sein.
Dazu gehören beispielsweise:
  • Blutbild
  • Elektrolyte, insbesondere Kalium
  • Nierenfunktion
  • Schilddrüsenwerte
  • weitere Untersuchungen je nach Verdacht
Elektrolytstörungen, bestimmte Medikamente oder Stoffwechselerkrankungen können Herzrhythmusstörungen begünstigen oder selbst Benommenheit verursachen.
 

Die Medikamentenliste gehört zur Abklärung

Gerade bei älteren Patienten oder bei Einnahme mehrerer Medikamente sollte die gesamte Medikation überprüft werden.
Bestimmte Arzneimittel können die Herzfrequenz verlangsamen, den Blutdruck senken oder die elektrische Erregungsleitung des Herzens beeinflussen.
Auch Diuretika können über Flüssigkeitsverlust oder Elektrolytstörungen indirekt zu Kreislaufbeschwerden und Rhythmusstörungen beitragen.
Dazu gehören beispielsweise Veränderungen des Kalium- oder Magnesiumhaushalts.
Medikamente sollten deshalb niemals eigenständig abgesetzt oder in der Dosierung verändert werden.
Eine Überprüfung sollte gemeinsam mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
 
MERKE
Ein normales Ruhe-EKG schließt eine zeitweise auftretende Herzrhythmusstörung nicht aus.
Entscheidend ist möglichst die Dokumentation des Herzrhythmus während der Beschwerden.
Bei wiederkehrender Präsynkope, Synkope oder Schwindel mit Herzrasen können deshalb längere EKG-Aufzeichnungen und eine gezielte kardiologische Abklärung notwendig sein.
 

Warum eine klare Abgrenzung so wichtig ist

Ein Patient mit wiederkehrendem BPLS benötigt eine andere Behandlung als ein Patient mit einer relevanten Herzrhythmusstörung.
Beim Lagerungsschwindel steht die mechanische Behandlung der Otolithen durch ein gezieltes Repositionsmanöver im Vordergrund.
Bei einer kardialen Ursache muss dagegen geklärt werden, ob eine Rhythmusstörung, eine strukturelle Herzerkrankung, ein Medikamenteneffekt oder eine andere Kreislaufstörung vorliegt.
Die vestibuläre Befundung kann dabei helfen, eine mögliche Innenohrursache zu erkennen.
Sie ersetzt jedoch keine kardiologische Untersuchung, wenn Anamnese oder Begleitsymptome auf eine Herz-Kreislauf-Ursache hinweisen.
Im dritten Teil beschäftigen wir uns deshalb mit der Frage, wie Herzrhythmusstörungen behandelt werden, welche Warnzeichen besonders wichtig sind und was Patienten bei wiederkehrendem Schwindel beachten sollten.

Behandlung, Warnzeichen und praktische Konsequenzen

Wie werden Herzrhythmusstörungen behandelt?
Die Behandlung einer Herzrhythmusstörung richtet sich nicht allein danach, ob das Herz zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig schlägt.
Entscheidend sind die genaue Art der Rhythmusstörung, die Beschwerden, die Kreislaufwirkung und mögliche zugrunde liegende Herzerkrankungen.
Manche Rhythmusstörungen benötigen keine spezifische Behandlung. Andere lassen sich durch eine Anpassung der Medikation behandeln, während in bestimmten Fällen ein Eingriff oder ein implantierbares Gerät notwendig sein kann.
Das Ziel ist immer, die Ursache zu erkennen und die Behandlung individuell darauf abzustimmen.
 

Wenn das Herz zu langsam schlägt

Bei einer symptomatischen Bradykardie muss zunächst geklärt werden, warum die Herzfrequenz zu niedrig ist.

Mögliche Ursachen sind beispielsweise:
  • Erkrankungen des Sinusknotens
  • höhergradige AV-Blockierungen
  • bestimmte Medikamente
  • Elektrolytstörungen
  • andere reversible Ursachen

Wenn Medikamente eine Rolle spielen, kann eine ärztlich überwachte Anpassung sinnvoll sein.

Bei bestimmten anhaltenden oder wiederkehrenden symptomatischen Bradykardien beziehungsweise relevanten Leitungsstörungen kann ein Herzschrittmacher erforderlich werden.
Ein Herzschrittmacher überwacht den Herzrhythmus und gibt bei Bedarf elektrische Impulse ab, damit das Herz ausreichend häufig schlägt.
Nicht jeder langsame Puls benötigt jedoch einen Schrittmacher. Besonders bei sportlich aktiven Menschen kann eine niedrige Ruheherzfrequenz physiologisch sein.
 

Wenn das Herz zu schnell schlägt

Bei Tachykardien hängt die Behandlung von der genauen Rhythmusstörung ab.

Je nach Ursache können beispielsweise infrage kommen:
  • Behandlung auslösender Faktoren
  • Anpassung bestimmter Medikamente
  • medikamentöse Frequenz- oder Rhythmuskontrolle
  • elektrische Kardioversion
  • Katheterablation
  • bei bestimmten gefährlichen ventrikulären Rhythmusstörungen ein implantierbarer Defibrillator (ICD)
Bei einer Katheterablation werden gezielt Bereiche des Herzgewebes behandelt, die an der Entstehung oder Aufrechterhaltung einer Rhythmusstörung beteiligt sind.
Ein ICD kann gefährliche ventrikuläre Rhythmusstörungen erkennen und gegebenenfalls durch elektrische Therapie beenden.
Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt immer von der konkreten Erkrankung und der kardiologischen Beurteilung ab.
 

Vorhofflimmern: Mehr als nur den Puls behandeln

Bei Vorhofflimmern stehen mehrere Behandlungsziele im Vordergrund.
Dazu gehören die Kontrolle der Herzfrequenz, gegebenenfalls die Wiederherstellung beziehungsweise Erhaltung eines normalen Herzrhythmus und die Behandlung begleitender Erkrankungen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vorbeugung von Schlaganfällen.
Bei Vorhofflimmern kann sich das Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln erhöhen. Ob eine gerinnungshemmende Behandlung notwendig ist, wird anhand des individuellen Schlaganfall- und Blutungsrisikos ärztlich beurteilt.
Nicht jeder Patient mit Vorhofflimmern benötigt dieselbe Therapie.
Und nicht jedes Vorhofflimmern ist automatisch die Ursache eines gleichzeitig bestehenden Schwindels.
 

Welche Rolle spielen Medikamente?

Medikamente können Herzrhythmusstörungen sowohl behandeln als auch begünstigen.
Bestimmte Arzneimittel beeinflussen beispielsweise die Herzfrequenz, die elektrische Erregungsleitung oder den Blutdruck.
Auch Flüssigkeits- und Elektrolytstörungen können eine Rolle spielen.
Besonders bei Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen, ist deshalb eine vollständige Medikamentenüberprüfung wichtig.

Dazu gehören auch:
  • frei verkäufliche Arzneimittel
  • Nahrungsergänzungsmittel
  • Diuretika
  • Medikamente gegen Bluthochdruck
  • Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen
  • weitere Präparate, die den Herzrhythmus beeinflussen können
Medikamente sollten niemals eigenständig abgesetzt, reduziert oder verändert werden.
Eine Anpassung muss gemeinsam mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
 

Was bedeutet das für die vestibuläre Praxis?

Für die vestibuläre Befundung ist vor allem wichtig, Hinweise auf eine mögliche Herz-Kreislauf-Ursache frühzeitig zu erkennen.
Ein Patient mit kurzem, lageabhängigem Drehschwindel und einem typischen Lagerungsnystagmus benötigt eine andere Behandlung als ein Patient, der während körperlicher Belastung plötzlich benommen wird und beinahe das Bewusstsein verliert.
 
Deshalb sollte die Anamnese auch Fragen nach folgenden Beschwerden enthalten:
  • Herzrasen oder Herzstolpern
  • Schwarzwerden vor Augen
  • Präsynkope oder Synkope
  • Brustschmerzen
  • Atemnot
  • Belastungsabhängigkeit
  • bekannten Herzerkrankungen
  • Medikamenteneinnahme
Bei entsprechenden Hinweisen sollte eine ärztliche Abklärung empfohlen werden.
Eine unauffällige vestibuläre Befundung bedeutet nicht automatisch, dass keine relevante Erkrankung vorliegt.
Die Aufgabe besteht darin, die Beschwerden richtig einzuordnen und bei Verdacht auf eine nicht-vestibuläre Ursache die weitere Abklärung anzustoßen.
 

Wann ist Schwindel ein Notfall?

Bestimmte Begleitsymptome erfordern sofortige medizinische Hilfe.

Wählen Sie den Notruf 112, wenn Schwindel zusammen mit folgenden Beschwerden auftritt:
  • anhaltende oder starke Brustschmerzen
  • schwere Atemnot
  • Bewusstlosigkeit, insbesondere wenn die Person nicht rasch wieder zu sich kommt
  • plötzlich auftretende Lähmungen, Sprachstörungen oder andere neurologische Ausfälle
  • anhaltendes Herzrasen mit schwerer Kreislaufbeeinträchtigung
Auch eine Synkope während körperlicher Belastung oder im Liegen sowie eine Synkope mit vorausgehendem Herzrasen kann auf eine ernsthafte kardiale Ursache hinweisen und sollte dringend medizinisch abgeklärt werden.
Bei wiederkehrenden Beinahe-Ohnmachten, neu aufgetretenem Herzrasen mit Schwindel oder einem auffällig langsamen Puls mit Beschwerden ist eine zeitnahe ärztliche Untersuchung erforderlich.
 

Was können Patienten selbst beachten?

Bis zur medizinischen Abklärung kann es hilfreich sein, die Beschwerden möglichst genau zu dokumentieren.

Notieren Sie beispielsweise:
  • Wann ist der Schwindel aufgetreten?
  • Wie lange hat er gedauert?
  • Was haben Sie unmittelbar davor getan?
  • Bestand Herzrasen oder Herzstolpern?
  • Wurde Ihnen schwarz vor Augen?
  • Gab es Brustschmerzen oder Atemnot?
  • Welche Medikamente wurden eingenommen?
  • Wurde der Puls oder Blutdruck gemessen?
Solche Informationen können die ärztliche Einordnung erleichtern.
Bei plötzlich auftretender Benommenheit oder drohender Ohnmacht sollte man sich hinsetzen oder hinlegen, um einen Sturz zu vermeiden.
Bei schweren oder anhaltenden Beschwerden darf dadurch jedoch keine notwendige Notfallversorgung verzögert werden.
 
MERKE
Nicht jeder Schwindel entsteht im Gleichgewichtsorgan.
Herzrhythmusstörungen können durch eine vorübergehende Beeinträchtigung der Kreislaufleistung Benommenheit, Präsynkopen oder Synkopen auslösen.
Entscheidend sind die Begleitsymptome, die zeitliche Zuordnung zum Herzrhythmus und eine gezielte ärztliche Abklärung.
Schwindel mit Brustschmerzen, schwerer Atemnot, Bewusstlosigkeit oder plötzlich auftretenden neurologischen Ausfällen kann ein Notfall sein.
 

Fazit

Herzrhythmusstörungen gehören zu den wichtigen nicht-vestibulären Ursachen von Schwindel.
Sie können dazu führen, dass das Gehirn vorübergehend nicht ausreichend durchblutet wird. Betroffene beschreiben dann häufig Benommenheit, Schwarzwerden vor Augen, Schwäche oder das Gefühl einer bevorstehenden Ohnmacht.
Allerdings verursacht nicht jede Rhythmusstörung Schwindel, und nicht jeder Schwindel mit Herzklopfen ist automatisch kardial bedingt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Besteht ein zeitlicher und klinisch plausibler Zusammenhang zwischen den Beschwerden und einer relevanten Herzrhythmusstörung?
Eine sorgfältige Anamnese, ein Ruhe-EKG und gegebenenfalls längere EKG-Aufzeichnungen können helfen, diesen Zusammenhang zu erkennen.
Für die vestibuläre Praxis bedeutet das: Eine strukturierte Befundung ist wichtig, aber sie ersetzt keine kardiologische Abklärung, wenn die Beschwerden auf eine Herz-Kreislauf-Ursache hinweisen.
Die richtige Behandlung beginnt nicht beim Symptom Schwindel, sondern bei der zugrunde liegenden Ursache.
 

Wissenschaftliche Quellen

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2. Zeppenfeld K, Tfelt-Hansen J, de Riva M et al. 2022 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death. European Heart Journal. 2022;43:3997–4126.
3. Brugada J, Katritsis DG, Arbelo E et al. 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia. European Heart Journal. 2020;41:655–720.
4. Glikson M, Nielsen JC, Kronborg MB et al. 2021 ESC Guidelines on cardiac pacing and cardiac resynchronization therapy. European Heart Journal. 2021;42:3427–3520.
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6. Shen WK, Sheldon RS, Benditt DG et al. 2017 ACC/AHA/HRS Guideline for the Evaluation and Management of Patients With Syncope. Circulation. 2017;136:e60–e122.
 
Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken