Schwindel und Schilddrüse – kann eine Fehlfunktion die Ursache sein?

Warum Überfunktion und Unterfunktion Benommenheit, Herzrasen und Unsicherheit verursachen können

Schwindel wird häufig mit dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr in Verbindung gebracht. Doch nicht immer liegt die Ursache tatsächlich im vestibulären System.
Auch hormonelle Veränderungen können Beschwerden hervorrufen, die Patienten als Schwindel, Benommenheit oder Unsicherheit beschreiben.
Eine mögliche Rolle spielt dabei die Schilddrüse.
Sowohl eine Überfunktion als auch eine Unterfunktion der Schilddrüse kann zahlreiche Körperfunktionen beeinflussen – darunter Herzfrequenz, Kreislauf, Muskulatur, Nervensystem und Stoffwechsel.

Dabei ist jedoch eine wichtige Unterscheidung notwendig:
Schwindel ist kein typisches oder spezifisches Leitsymptom einer Schilddrüsenerkrankung.
Wenn jedoch zusätzlich Beschwerden wie Herzrasen, ausgeprägte Müdigkeit, Zittern, Gewichtsveränderungen oder eine ungewöhnliche Wärme- beziehungsweise Kälteempfindlichkeit auftreten, kann eine Untersuchung der Schilddrüsenfunktion sinnvoll sein.
 

Ein typisches Beispiel

Eine Patientin berichtet über seit mehreren Monaten bestehende Benommenheit und ein Gefühl von Unsicherheit.
Einen klassischen Drehschwindel beschreibt sie nicht.
Auch typische Auslöser eines Lagerungsschwindels wie das Umdrehen im Bett, Hinlegen oder Hochblicken fehlen.
Bei der vestibulären Befundung ergeben sich keine eindeutigen Hinweise auf eine relevante periphere vestibuläre Funktionsstörung.

Im Gespräch berichtet die Patientin jedoch zusätzlich über:
  • zunehmende innere Unruhe
  • Herzklopfen
  • Zittern der Hände
  • vermehrtes Schwitzen
  • schlechteren Schlaf
  • Gewichtsverlust trotz normalem Appetit
Diese Kombination lässt an eine mögliche Schilddrüsenüberfunktion – Hyperthyreose – denken.
Eine ärztliche Blutuntersuchung kann anschließend zeigen, ob tatsächlich eine Störung der Schilddrüsenfunktion besteht.
Das Beispiel verdeutlicht:
Manchmal ist nicht der Schwindel selbst der entscheidende Hinweis, sondern die Kombination mit anderen Beschwerden.
 

Was macht die Schilddrüse eigentlich?

Die Schilddrüse liegt vorne am Hals unterhalb des Kehlkopfes.
Sie produziert hauptsächlich die Schilddrüsenhormone T4 (Thyroxin) und T3 (Trijodthyronin).
Diese Hormone beeinflussen zahlreiche Vorgänge im Körper.

Dazu gehören unter anderem:
  • Energie- und Stoffwechselprozesse
  • Herzfrequenz und Herz-Kreislauf-System
  • Wärmeproduktion
  • Muskulatur
  • Nervensystem
  • Verdauung
  • körperliche und psychische Leistungsfähigkeit
Die Steuerung erfolgt über einen hormonellen Regelkreis.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das in der Hirnanhangsdrüse gebildete TSH – Thyreoidea-stimulierendes Hormon.
Vereinfacht kann man sich diesen Regelkreis wie einen Thermostaten vorstellen:
Sind zu wenig Schilddrüsenhormone vorhanden, steigt normalerweise das TSH und stimuliert die Schilddrüse stärker.
Sind zu viele Schilddrüsenhormone vorhanden, wird die TSH-Ausschüttung normalerweise reduziert.
Deshalb ist TSH bei der Untersuchung der Schilddrüsenfunktion häufig ein wichtiger erster Laborwert.
 

Schilddrüsenüberfunktion – wenn der Körper auf Hochtouren läuft

Bei einer Hyperthyreose stehen dem Körper zu viele Schilddrüsenhormone zur Verfügung.
Viele Körperfunktionen werden dadurch beschleunigt.

Typische Beschwerden können sein:
  • Herzrasen
  • Herzklopfen
  • Zittern
  • innere Unruhe
  • Nervosität
  • vermehrtes Schwitzen
  • Wärmeintoleranz
  • Schlafstörungen
  • Gewichtsverlust
  • Muskelschwäche
  • verminderte Belastbarkeit
Manche Patienten beschreiben zusätzlich Benommenheit oder Schwindel.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Schilddrüsenhormone unmittelbar das Gleichgewichtsorgan beeinflussen.
Der Zusammenhang kann indirekt entstehen.
 

Warum kann eine Überfunktion Schwindel verursachen?

Eine Schilddrüsenüberfunktion kann das Herz-Kreislauf-System deutlich beeinflussen.
Die Herzfrequenz kann ansteigen, das Herz schlägt kräftiger und bei manchen Patienten können Herzrhythmusstörungen auftreten.
Besonders relevant ist dabei Vorhofflimmern.
Eine Hyperthyreose kann das Auftreten von Vorhofflimmern begünstigen – insbesondere bei älteren Menschen.

Kommt es dadurch zu einer Beeinträchtigung der Kreislauffunktion, können Beschwerden wie:
  • Benommenheit
  • Leistungsschwäche
  • Herzklopfen
  • Atemnot
  • Präsynkope auftreten.
Hier überschneiden sich zwei unserer nicht-vestibulären Themen:
Die Schilddrüsenerkrankung kann eine Herzrhythmusstörung begünstigen – und die Herzrhythmusstörung kann wiederum Schwindel oder Benommenheit verursachen.
 

Schilddrüsenunterfunktion – wenn der Körper langsamer wird

Das Gegenstück ist die Hypothyreose.
Dabei stehen dem Körper zu wenig Schilddrüsenhormone zur Verfügung.
Viele Körperfunktionen laufen dadurch langsamer ab.

Typische Beschwerden können sein:
  • Müdigkeit
  • Antriebsminderung
  • Konzentrationsprobleme
  • Kälteempfindlichkeit
  • Gewichtszunahme
  • trockene Haut
  • Verstopfung
  • verlangsamter Puls
  • Muskelschwäche
  • verminderte körperliche Leistungsfähigkeit
Auch hier können manche Patienten Benommenheit oder Unsicherheit als „Schwindel“ beschreiben.
Ein typischer vestibulärer Drehschwindel gehört jedoch nicht zu den klassischen Leitsymptomen einer Schilddrüsenunterfunktion.
 

Warum kann eine Unterfunktion trotzdem mit Schwindel verbunden sein?

Auch hier gibt es mehrere mögliche indirekte Mechanismen.
Eine ausgeprägte Hypothyreose kann unter anderem Herzfrequenz, Kreislauf, Muskulatur und körperliche Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Dadurch können Beschwerden entstehen wie:
  • Schwäche
  • schnelle Erschöpfbarkeit
  • Benommenheit
  • Unsicherheit beim Gehen
  • reduzierte Belastbarkeit
Gleichzeitig können weitere Erkrankungen bestehen, die ebenfalls Schwindel verursachen.
Deshalb sollte ein auffälliger Schilddrüsenwert nicht automatisch zur Erklärung für sämtliche Beschwerden gemacht werden.
Ein Patient kann eine Schilddrüsenunterfunktion haben und gleichzeitig beispielsweise einen Lagerungsschwindel, eine vestibuläre Hypofunktion oder eine andere nicht-vestibuläre Ursache des Schwindels.

 

Überfunktion oder Unterfunktion – typische Unterschiede

Vereinfacht lassen sich einige typische Beschwerden gegenüberstellen.

Unterfunktion – Hypothyreose 
  • Müdigkeit innere Unruhe
  • Kälteempfindlichkeit 
  • Gewichtszunahme 
  • eher langsamer Puls 
  • Antriebsminderung 
  • Verstopfung 
  • trockene Haut 
  • Muskelschwäche Zittern
Überfunktion – Hyperthyreose
  • innere Unruhe
  • Wärmeintoleranz
  • Gewichtsverlust
  • häufig schneller Puls
  • Nervosität
  • häufigere Stuhlgänge
  • vermehrtes Schwitzen
  • Zittern und Muskelschwäche
Diese Gegenüberstellung dient lediglich der Orientierung.
Nicht jeder Patient zeigt alle typischen Symptome.
Gerade bei älteren Menschen können Schilddrüsenerkrankungen auch weniger charakteristisch verlaufen.
 

Schilddrüse oder Gleichgewichtsorgan?

Für die Schwindelbefundung ist diese Frage besonders wichtig.
Ein BPLS verursacht typischerweise kurze Schwindelattacken nach bestimmten Lageveränderungen des Kopfes.
Bei einer vestibulären Hypofunktion können Kopfbewegungen, Blickstabilisation und Gleichgewicht beeinträchtigt sein.
Eine Schilddrüsenerkrankung verursacht dagegen eher ein systemisches Beschwerdebild.

Hinweise können beispielsweise sein:
  • Schwindel oder Benommenheit ohne typische vestibuläre Auslöser
  • deutliche Müdigkeit oder Leistungsminderung
  • auffällige Veränderungen der Herzfrequenz
  • Zittern
  • ungewöhnliches Schwitzen
  • Wärme- oder Kälteintoleranz
  • unerklärliche Gewichtsveränderungen
  • Veränderungen von Schlaf, Verdauung oder Leistungsfähigkeit
Das bedeutet nicht, dass bei diesen Beschwerden automatisch eine Schilddrüsenerkrankung vorliegt.
Sie können jedoch Anlass sein, die Schilddrüsenfunktion in die weitere ärztliche Abklärung einzubeziehen.
 
MERKE
Schwindel ist kein spezifisches Symptom einer Schilddrüsenerkrankung.
Eine Über- oder Unterfunktion kann jedoch Herzfrequenz, Kreislauf, Muskulatur und Nervensystem beeinflussen und dadurch Benommenheit, Schwäche oder Unsicherheit begünstigen.
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn zusätzlich typische Beschwerden wie Herzrasen, Zittern, starke Müdigkeit, Wärme- oder Kälteempfindlichkeit oder deutliche Gewichtsveränderungen auftreten.
Ein auffälliger Schilddrüsenwert beweist jedoch noch nicht, dass die Schilddrüse tatsächlich die Ursache des Schwindels ist.
 
Im zweiten Teil schauen wir uns an, welche Blutwerte bei Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung wichtig sind, was TSH, fT4 und fT3 bedeuten, welche Erkrankungen hinter einer Über- oder Unterfunktion stecken können und wie sie behandelt werden.
 

Wie erkennt man eine Schilddrüsenfehlfunktion?

Wenn Schwindel oder Benommenheit gemeinsam mit Beschwerden wie Herzrasen, ungewöhnlicher Müdigkeit, Zittern, Gewichtsveränderungen oder einer auffälligen Wärme- beziehungsweise Kälteempfindlichkeit auftreten, kann es sinnvoll sein, auch die Schilddrüse zu untersuchen.
Die gute Nachricht:
Die Funktion der Schilddrüse lässt sich zunächst relativ einfach über eine Blutuntersuchung beurteilen.
Dabei spielen vor allem drei Werte eine wichtige Rolle:
TSH, fT4 und fT3.
 

TSH – der wichtigste erste Orientierungswert

TSH steht für Thyreoidea-stimulierendes Hormon.
Es wird nicht in der Schilddrüse selbst, sondern in der Hirnanhangsdrüse – der Hypophyse – gebildet.
TSH wirkt wie ein Steuerungssignal für die Schilddrüse.
Vereinfacht gesagt:
Zu wenig Schilddrüsenhormon → TSH steigt.
Zu viel Schilddrüsenhormon → TSH sinkt.
Bei einer typischen primären Schilddrüsenunterfunktion findet man deshalb häufig ein erhöhtes TSH.
Bei einer typischen Schilddrüsenüberfunktion ist das TSH dagegen erniedrigt beziehungsweise supprimiert.
Diese einfache Regel funktioniert in vielen Fällen – aber nicht immer.
Deshalb wird ein auffälliger TSH-Wert im klinischen Zusammenhang und gegebenenfalls zusammen mit weiteren Schilddrüsenwerten beurteilt.
 

Was bedeuten fT4 und fT3?

Die Schilddrüse produziert hauptsächlich die Hormone T4 (Thyroxin) und in geringerem Umfang T3.
Im Blut sind große Teile dieser Hormone an Eiweiße gebunden.
Gemessen werden deshalb häufig die freien, biologisch verfügbaren Anteile:
fT4 – freies Thyroxin
fT3 – freies Trijodthyronin
Zusammen mit dem TSH können diese Werte helfen, die Schilddrüsenfunktion genauer einzuordnen.
Vereinfacht ergibt sich bei einer manifesten primären Funktionsstörung häufig folgendes Bild:
Schilddrüsenunterfunktion
TSH ↑
fT4 ↓
Schilddrüsenüberfunktion
TSH ↓
fT4 und/oder fT3 ↑
Es gibt jedoch auch mildere beziehungsweise sogenannte subklinische Formen, bei denen das TSH bereits verändert ist, während die freien Schilddrüsenhormone noch innerhalb des jeweiligen Referenzbereichs liegen.
Deshalb sollte ein einzelner Laborwert niemals isoliert interpretiert werden.
 

Hashimoto-Thyreoiditis – eine häufige Ursache der Unterfunktion

Eine wichtige Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion ist die Hashimoto-Thyreoiditis.
Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung.
Das Immunsystem richtet sich gegen Bestandteile der eigenen Schilddrüse. Im Verlauf kann dadurch funktionsfähiges Schilddrüsengewebe verloren gehen.

Mögliche Beschwerden einer entstehenden Unterfunktion sind beispielsweise:
  • Müdigkeit
  • Antriebsminderung
  • Kälteempfindlichkeit
  • Gewichtszunahme
  • Konzentrationsprobleme
  • trockene Haut
  • Verstopfung
  • Muskelschwäche
Bei der weiteren Abklärung können neben TSH und fT4 je nach Situation auch Schilddrüsenantikörper und eine Ultraschalluntersuchung eine Rolle spielen.
Wichtig ist jedoch:
Ein positiver Antikörperbefund allein erklärt nicht automatisch bestehende Schwindelbeschwerden.
 

Morbus Basedow – eine wichtige Ursache der Überfunktion

Eine weitere Autoimmunerkrankung ist der Morbus Basedow.
Hier entstehen Antikörper, die den TSH-Rezeptor stimulieren können.
Die Schilddrüse produziert dadurch vermehrt Schilddrüsenhormone.

Typische Beschwerden können sein:
  • Herzrasen
  • Herzklopfen
  • innere Unruhe
  • Zittern
  • Wärmeintoleranz
  • starkes Schwitzen
  • Gewichtsverlust
  • Schlafstörungen
  • Muskelschwäche
Bei manchen Patienten können zusätzlich charakteristische Veränderungen an den Augen auftreten.
Auch hier erfolgt die weitere Diagnostik abhängig von der individuellen Situation mit Laboruntersuchungen, Antikörperbestimmungen und bildgebenden beziehungsweise sonografischen Verfahren.
 

Nicht jede Überfunktion ist Morbus Basedow

Eine Hyperthyreose kann auch andere Ursachen haben.
Beispielsweise können bestimmte Bereiche der Schilddrüse unabhängig von der normalen hormonellen Steuerung Schilddrüsenhormone produzieren.
Man spricht dann unter anderem von einer Schilddrüsenautonomie.
Auch Entzündungen der Schilddrüse oder eine zu hohe Zufuhr von Schilddrüsenhormonen können zu erhöhten Hormonkonzentrationen führen.
Deshalb gilt auch hier:
Nicht nur feststellen, dass eine Überfunktion besteht – sondern klären, warum sie besteht.
 

Welche Rolle spielen Medikamente?

Dieser Punkt ist gerade bei Patienten mit Schwindel wichtig.
Manche Patienten nehmen bereits Schilddrüsenhormone ein, beispielsweise Levothyroxin (L-Thyroxin) bei einer Unterfunktion.
Ist die Dosierung höher als aktuell benötigt, können Beschwerden entstehen, die einer Überfunktion ähneln.

Dazu gehören beispielsweise:
  • Herzklopfen
  • schneller Puls
  • Zittern
  • innere Unruhe
  • Schwitzen
  • Schlafstörungen
Umgekehrt können bei einer nicht ausreichend behandelten Unterfunktion weiterhin Müdigkeit und Leistungsminderung bestehen.
Deshalb sollte bei entsprechenden Beschwerden auch geprüft werden:
Welche Medikamente werden eingenommen?
In welcher Dosierung?
Wann wurden die Schilddrüsenwerte zuletzt kontrolliert?
Schilddrüsenmedikamente sollten nicht eigenständig verändert oder abgesetzt werden.
 

Schilddrüse und Herzrhythmusstörungen

Besonders relevant für unsere Schwindelthematik ist die Verbindung zwischen Schilddrüse und Herz.
Schilddrüsenhormone beeinflussen die Herzfrequenz und die elektrische Aktivität des Herzens.
Eine Hyperthyreose kann das Auftreten bestimmter Herzrhythmusstörungen begünstigen.
Besonders bekannt ist der Zusammenhang mit Vorhofflimmern.
Dadurch entsteht eine interessante Kette:
Schilddrüsenüberfunktion
↓
Herzfrequenz und Herzrhythmus verändern sich
↓
Kreislaufleistung kann beeinträchtigt werden
↓
Benommenheit, Schwäche oder Präsynkope
Der Schwindel entsteht in diesem Fall also möglicherweise nicht unmittelbar durch die Schilddrüse, sondern über ihre Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System.
 

Welche Untersuchungen können sinnvoll sein?

Welche Untersuchungen notwendig sind, richtet sich nach Beschwerden und Befund.

Zur ärztlichen Abklärung können beispielsweise gehören:
  • TSH
  • fT4
  • gegebenenfalls fT3
  • Schilddrüsenantikörper
  • Ultraschall der Schilddrüse
  • bei bestimmten Fragestellungen weitere nuklearmedizinische Untersuchungen
Bei Herzrasen oder Herzstolpern können zusätzlich ein EKG oder Langzeit-EKG sinnvoll sein.
Besteht gleichzeitig Schwindel, muss außerdem geprüft werden, ob möglicherweise eine völlig andere Ursache vorliegt.
Denn ein auffälliger Schilddrüsenwert und eine vestibuläre Erkrankung können durchaus gleichzeitig vorhanden sein.
 

Wie werden Schilddrüsenerkrankungen behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Erkrankung.
Bei einer ausgeprägten Schilddrüsenunterfunktion kommt häufig eine Behandlung mit Levothyroxin zum Einsatz.
Das Medikament ersetzt das fehlende Schilddrüsenhormon.
Bei einer Schilddrüsenüberfunktion hängt die Behandlung dagegen stärker von der Ursache ab.
Je nach Erkrankung können beispielsweise infrage kommen:
  • Medikamente zur Hemmung der Schilddrüsenhormonproduktion
  • symptomatische Behandlung bestimmter Beschwerden
  • Radiojodtherapie
  • operative Behandlung
Welche Therapie geeignet ist, wird individuell ärztlich beziehungsweise endokrinologisch entschieden.
 

Verschwindet der Schwindel nach Behandlung der Schilddrüse?

Das hängt davon ab, ob die Schilddrüsenfehlfunktion tatsächlich für die Beschwerden verantwortlich war.
Wenn beispielsweise eine ausgeprägte Hyperthyreose Herzrasen und Kreislaufbeschwerden verursacht, können sich diese Symptome durch eine erfolgreiche Behandlung deutlich bessern.
Besteht gleichzeitig ein BPLS, wird dieser jedoch nicht dadurch verschwinden, dass sich die Schilddrüsenwerte normalisieren.
Genauso wenig wird eine vestibuläre Hypofunktion automatisch durch Schilddrüsenhormone behandelt.
Das ist ein wichtiger Grundsatz:
Das Vorhandensein einer Erkrankung beweist noch nicht, dass sie die Ursache des Schwindels ist.
 

Was bedeutet das für die vestibuläre Praxis?

Wenn eine vestibuläre Befundung die Beschwerden nicht ausreichend erklärt, lohnt sich der Blick auf mögliche nicht-vestibuläre Ursachen.

Hinweise auf eine Schilddrüsenfehlfunktion können insbesondere sein:
  • unerklärliche Gewichtsveränderungen
  • ausgeprägte Müdigkeit
  • auffällige Wärme- oder Kälteempfindlichkeit
  • Herzrasen oder ungewöhnlich langsamer Puls
  • Zittern
  • starkes Schwitzen
  • Muskelschwäche
  • Veränderungen der Verdauung
  • deutliche Veränderungen der körperlichen Leistungsfähigkeit
In solchen Fällen kann eine ärztliche Abklärung der Schilddrüsenfunktion sinnvoll sein.
Die Aufgabe der vestibulären Befundung besteht dabei nicht darin, eine Schilddrüsenerkrankung zu diagnostizieren.
Vielmehr geht es darum zu erkennen:
Passt das Beschwerdebild überhaupt zu einer vestibulären Erkrankung – oder sollte nach einer anderen Ursache gesucht werden?
 
MERKE
Ein auffälliger Schilddrüsenwert bedeutet nicht automatisch, dass die Schilddrüse die Ursache des Schwindels ist.
TSH ist häufig der wichtigste erste Orientierungswert. Bei auffälligen Befunden helfen fT4 und gegebenenfalls fT3sowie weitere Untersuchungen bei der Einordnung.
Besonders eine Schilddrüsenüberfunktion kann über Herzrasen und Herzrhythmusstörungen indirekt Benommenheit oder Kreislaufbeschwerden verursachen.
Entscheidend ist immer das Gesamtbild aus Beschwerden, klinischem Befund und Laborwerten.
 

Fazit

Schilddrüsenerkrankungen gehören nicht zu den klassischen vestibulären Ursachen von Schwindel.
Trotzdem können sowohl eine Über- als auch eine Unterfunktion Beschwerden hervorrufen, die Patienten als Schwindel, Benommenheit, Schwäche oder Unsicherheit wahrnehmen.
Besonders wichtig sind dabei die Auswirkungen der Schilddrüsenhormone auf Herz-Kreislauf-System, Muskulatur, Nervensystem und Stoffwechsel.
Eine Blutuntersuchung mit TSH und – je nach Situation – fT4 und fT3 kann Hinweise auf eine Funktionsstörung geben.
Der entscheidende Punkt bleibt jedoch:
Nicht jeder auffällige Laborwert erklärt automatisch den Schwindel.
Eine gute Schwindelbefundung schaut deshalb nicht nur auf das Innenohr.
Sie fragt auch:
Welche anderen Systeme könnten die Beschwerden erklären?
Und manchmal führt diese Frage eben nicht zum Gleichgewichtsorgan – sondern zur Schilddrüse.
 

Wissenschaftliche Quellen

1. Ross DS, Burch HB, Cooper DS et al. 2016 American Thyroid Association Guidelines for Diagnosis and Management of Hyperthyroidism and Other Causes of Thyrotoxicosis. Thyroid. 2016;26:1343–1421.
2. Jonklaas J, Bianco AC, Bauer AJ et al. Guidelines for the Treatment of Hypothyroidism. Thyroid. 2014;24:1670–1751.
3. Chaker L, Bianco AC, Jonklaas J, Peeters RP. Hypothyroidism. The Lancet. 2017;390:1550–1562.
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5. Biondi B, Cooper DS. The Clinical Significance of Subclinical Thyroid Dysfunction. Endocrine Reviews.2008;29:76–131.
6. Kahaly GJ. Management of Graves Thyroidal and Extrathyroidal Disease: An Update. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. 2020;105:3704–3720.
7. Biondi B, Kahaly GJ. Cardiovascular involvement in patients with different causes of hyperthyroidism. Nature Reviews Endocrinology. 2010;6:431–443.
 
Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken