Rebound-Nystagmus – nach dem Seitenblick
Was ist ein Rebound-Nystagmus?
Ein Rebound-Nystagmus ist ein vorübergehender Nystagmus, der nach länger gehaltenem seitlichem Blick beim Zurückblicken in die Geradeausposition auftreten kann. Seine schnellen Phasen schlagen typischerweise entgegen der zuvor gehaltenen Blickrichtung. Nach einem Blick nach rechts kann deshalb beim Blick geradeaus ein linksschlagender Rebound-Nystagmus entstehen. Es handelt sich um wiederholte langsame Driftbewegungen mit schnellen Korrekturen, nicht lediglich um ein einmaliges Überschießen der Augen.[1]
Der Befund beschreibt ein zeitliches Muster der Augenbewegung. Er benennt für sich genommen noch keine bestimmte Erkrankung. Für das Verständnis sind sowohl die vorausgegangene Blickposition als auch die Anpassung des blickhaltenden Systems entscheidend.[1,2]
Warum die Augen nach dem Seitenblick nachschlagen
Das blickhaltende Netzwerk in Hirnstamm und Kleinhirn ermöglicht es, eine seitliche Augenposition aufrechtzuerhalten. Bei eingeschränkter Funktion können die Augen aus dieser Position langsam zurückdriften. Schnelle Korrekturbewegungen führen sie wieder zum seitlichen Blickziel: Es entsteht ein Blickrichtungsnystagmus.[3]
Während der seitliche Blick länger gehalten wird, kann diese Drift nachlassen. Ein Erklärungsmodell beschreibt das als Verschiebung des funktionellen Gleichgewichtspunkts: Die Augenposition mit der geringsten Drift verlagert sich in Richtung des zuvor gehaltenen Blicks. Dieser Punkt wird auch als Set Point bezeichnet. Er ist keine anatomische Struktur, sondern eine Eigenschaft des aktuellen Blickhalteverhaltens.[3]
Beim Zurückblicken zur Mitte kann diese Anpassung zunächst fortbestehen. Die Geradeausposition liegt dann relativ zum verschobenen Gleichgewichtspunkt auf der anderen Seite. Die Augen driften zum vorherigen Seitenblick; die schnellen Korrekturen schlagen in die Gegenrichtung. Damit lässt sich der Rebound als Nachwirkung der vorausgegangenen Anpassung erklären.[3]
Die Schlagrichtung am Beispiel eines Rechtsblicks
Wird der Blick länger nach rechts gehalten, können die Augen zunächst langsam nach links driften und durch schnelle Bewegungen nach rechts korrigiert werden. Nach der Rückkehr zur Mitte kehrt sich das Muster beim horizontalen Rebound um: Die langsame Phase verläuft nach rechts, die schnelle Korrektur nach links. Der Nystagmus heißt daher linksschlagend. Nach einem länger gehaltenen Linksblick ist das entsprechende Gegenmuster möglich.[1,2]
Die Benennung nach der schnellen Phase darf dabei nicht mit der Richtung der ursächlichen Drift verwechselt werden. Gerade beim Rebound liegt die langsame Bewegung in Richtung der zuvor gehaltenen seitlichen Augenposition.[2]
Was ist belegt, was bleibt ein Modell?
Bei elf Patienten mit cerebellärer Degeneration fanden Bögli und Kollegen einen engen Zusammenhang zwischen nachlassender Drift im Seitenblick und anschließender Driftveränderung. Das stützt das Set-Point-Modell, belegt aber keinen einheitlichen Mechanismus für sämtliche Rebound-Formen.[3]
Experimentelle Daten und Modellierungen von Otero-Millan und Kollegen sprechen dafür, dass sowohl visuell abhängige als auch visuell unabhängige Mechanismen beitragen. Offen bleibt unter anderem, welche Augenpositions- oder Geschwindigkeitsinformationen die Anpassung vermitteln. Der Rebound lässt sich deshalb als Ausdruck adaptiver Blickhaltemechanismen verstehen; seine genaue neuronale Entstehung ist damit noch nicht vollständig geklärt.[2]
Bei welchen Erkrankungen kann er auftreten?
Zu den untersuchten Erkrankungen zählt die cerebelläre Degeneration.[3]
Auch erworbene cerebelläre Erkrankungen können mit einem Rebound einhergehen. Shemesh und Kollegen beschrieben eine Patientin mit einem Anti-Yo-assoziierten paraneoplastischen cerebellären Syndrom, bei der Blickrichtungs-, Rebound- und periodisch alternierender Nystagmus zusammen auftraten. Die Bildgebung war unauffällig. Dieser Einzelfall zeigt, dass verschiedene Augenbewegungsstörungen gleichzeitig vorkommen können und eine unauffällige Bildgebung eine funktionelle Störung nicht grundsätzlich ausschließt. Er erlaubt keine Aussage darüber, wie häufig Rebound bei diesem Syndrom ist.[4]
Kann ein Rebound auch vertikal sein?
Ja. Kim und Kollegen beschrieben bei einem Patienten mit episodischer Ataxie Typ 2 einen vertikalen Rebound. Während des seitlichen Blicks bestanden ein Blickrichtungsnystagmus und ein Downbeat-Nystagmus. Nach dem Zurückblicken zur Mitte erschien vorübergehend ein Upbeat-Nystagmus.[5]
Die Autoren deuteten dies als Anpassung an die zuvor vorhandene abwärtsgerichtete schnelle Phase beziehungsweise deren zugrunde liegende Drift, mit einer Verschiebung der vertikalen Nullposition. Das ist eine aus diesem Einzelfall abgeleitete Erklärung. Ein vertikaler Rebound ist damit weder ein obligates Merkmal der episodischen Ataxie Typ 2 noch automatisch ein Beleg für diese Erkrankung.[5]
Wann ist der Befund pathologisch?
Ein Rebound-Nystagmus ist nicht unter allen Bedingungen krankhaft. Ritter und Kollegen untersuchten 14 gesunde Personen nach jeweils 30 Sekunden gehaltenem Seitenblick. Nach 30 Grad Blickauslenkung trat bei 21 Prozent ein Rebound auf, nach 45 Grad bei 72 Prozent. Ausmaß und Dauer der vorausgegangenen Blickauslenkung beeinflussen somit, ob das Phänomen auch physiologisch sichtbar wird.[6]
Diese Ergebnisse stammen aus einem kleinen, festgelegten Versuchsaufbau. Die Werte sind keine allgemeingültigen Grenzwerte für die klinische Befundung. Ein isolierter Rebound nach extremem Seitenblick sollte deshalb nicht pauschal als cerebelläre Erkrankung bewertet werden. Seine Bedeutung ergibt sich aus den Untersuchungsbedingungen und dem begleitenden neurologischen und okulomotorischen Befund.[6]
Literatur und weiterführende Quellen
- Eggers SDZ et al. (2019). Classification of vestibular signs and examination techniques: Nystagmus and nystagmus-like movements. Journal of Vestibular Research. DOI: 10.3233/VES-190658. Quelle ansehen
- Otero-Millan J, Colpak AI, Kheradmand A, Zee DS (2019). Rebound nystagmus, a window into the oculomotor integrator. Progress in Brain Research 249:197–209. Quelle ansehen
- Bögli SY, Straumann D, Schuknecht B, Bertolini G, Tarnutzer AA (2021; online 2020). Cerebellar Rebound Nystagmus Explained as Gaze-Evoked Nystagmus Relative to an Eccentric Set Point: Implications for the Clinical Examination. Cerebellum 20:751–759. Quelle ansehen
- Shemesh AA et al. (2021). Modeling the interaction among three cerebellar disorders of eye movements: periodic alternating, gaze-evoked and rebound nystagmus. Journal of Computational Neuroscience 49:295–307. Quelle ansehen
- Kim HJ et al. (2014). Rebound upbeat nystagmus after lateral gaze in episodic ataxia type 2. Cerebellum 13:411–413. Quelle ansehen
- Ritter MS, Bertolini G, Straumann D, Bögli SY (2020). Prevalence and Characteristics of Physiological Gaze-Evoked and Rebound Nystagmus: Implications for Testing Their Pathological Counterparts. Frontiers in Neurology 11:547015. Quelle ansehen
Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken