Torsioneller Nystagmus – wenn sich die Augen drehen
Was bedeutet torsionell?
Torsion bezeichnet eine Drehung des Auges um seine Blickachse. Beim torsionellen Rucknystagmus wechseln sich langsame Drehbewegungen und schnelle Rückstellungen ab. Die Schlagrichtung wird nach der schnellen Phase benannt.[1]
Eindeutig ist die Beschreibung, wohin sich der obere Augenpol bewegt: zum rechten oder linken Ohr des Patienten. „Im Uhrzeigersinn“ ist ohne Angabe der Betrachtungsrichtung missverständlich, weil Patient und Untersucher die Bewegung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten.[1]
Warum vestibuläre Signale eine Drehbewegung erzeugen können
Die vorderen und hinteren Bogengänge vermitteln Augenbewegungen mit vertikalen und torsionalen Anteilen. Im Zusammenspiel können sich vertikale Beiträge gegenseitig aufheben, während torsionale Beiträge bestehen bleiben. Welche Komponenten sichtbar werden, hängt deshalb vom Ungleichgewicht der beteiligten Signale ab.[1]
Die torsionale Blickhaltung braucht ein Positionssignal
Ein Bewegungsbefehl allein reicht nicht aus, um eine erreichte Augenstellung zu halten. Das okulomotorische System benötigt zusätzlich ein anhaltendes Positionssignal. Der neuronale Integrator wandelt dazu Augenbewegungsgeschwindigkeit in ein Signal für die Augenposition um.[2]
Crawford, Cadera und Vilis untersuchten dreidimensionale Augenbewegungen bei Affen während elektrischer Stimulation und vorübergehender pharmakologischer Inaktivierung von Mittelhirnregionen. Ihre Ergebnisse zeigten, dass der interstitielle Kern von Cajal sowohl vertikale als auch torsionale Augenpositionssignale erzeugt.[2]
Die Untersuchung stützt somit die Bedeutung dieser Region für die torsionale Blickhaltung. Sie erlaubt jedoch nicht, jeden torsionellen Nystagmus beim Menschen einer Schädigung dieses einzelnen Kerngebiets zuzuordnen.[2]
Zentrale Läsionen: gestörter Antrieb und gestörte Integration
Morrow und Sharpe zeichneten torsionellen Nystagmus bei drei Patienten mit lateralem Medullärsyndrom auf. Die langsamen Phasen zeigten unterschiedliche Geschwindigkeitsverläufe: zunehmend, abnehmend oder annähernd konstant. Diese Befunde sprechen dafür, dass neben einem vestibulären Ungleichgewicht auch eine gestörte torsionale Integration beteiligt sein kann.[3]
Die Autoren führten das Bewegungsmuster auf ein Ungleichgewicht zentraler Verbindungen der vorderen und hinteren Bogengänge sowie otolithärer Signale zurück. Alle drei Patienten hatten zusätzlich eine vertikale Fehlstellung der Augen, eine sogenannte Skew Deviation.[3]
Die schnelle torsionale Phase war in dieser kleinen Serie von der Infarktseite weggerichtet; bei einem Patienten wechselte die Richtung. Daraus lässt sich keine universelle Regel zur Bestimmung der Läsionsseite ableiten. Die Untersuchung beschreibt konkrete klinische Befunde und eine daraus abgeleitete mechanistische Erklärung.[3]
Torsionale Mischformen können auch peripher entstehen
Eine klinische Untersuchung zu horizontal-torsionalem Nystagmus mit ungewöhnlicher Kombination der Schlagrichtungen beschrieb unter anderem Patienten mit inferiorer Neuritis vestibularis und Morbus Menière. Bei den untersuchten einseitigen peripheren Fällen war der Kopfimpulstest für den betroffenen hinteren Bogengang auffällig.[4]
Die Autoren diskutierten eine selektive Störung erregender oder hemmender Verbindungen des hinteren Bogengangs als Erklärung. In derselben Untersuchung kamen jedoch auch zentrale Erkrankungen vor. Das besondere Bewegungsmuster ist daher kein alleiniger Beweis für eine periphere Ursache.[4]
Rein torsionell ist anders einzuordnen als gemischt
Ein rein torsioneller Spontannystagmus bei Geradeausblick ist dagegen meist mit zentralen vestibulären Läsionen verbunden, insbesondere in Medulla oder Mittelhirn. Die Drehkomponente allein benennt dennoch keine konkrete Erkrankung.[1]
Für das Verständnis sind zwei Fragen entscheidend: Entsteht die langsame Drehbewegung durch ein Ungleichgewicht vestibulärer Signale oder durch eine instabile torsionale Blickhaltung? Und welche zusätzlichen Augenbewegungs- oder neurologischen Befunde helfen, diese Mechanismen einzuordnen?[2,3]
Literatur und weiterführende Quellen
- Eggers SDZ et al. (2019). Classification of vestibular signs and examination techniques: Nystagmus and nystagmus-like movements. Journal of Vestibular Research 29:57–87. Quelle ansehen
- Crawford JD, Cadera W, Vilis T (1991). Generation of torsional and vertical eye position signals by the interstitial nucleus of Cajal. Science 252:1551–1553. Quelle ansehen
- Morrow MJ, Sharpe JA (1988). Torsional nystagmus in the lateral medullary syndrome. Annals of Neurology 24:390–398. Quelle ansehen
- Discordant horizontal-torsional nystagmus: a sign of posterior semicircular canal dysfunction (2022). Klinische Originalarbeit. Quelle ansehen
Autor: Tom Hanf / Schwindelzentrum Saarbrücken